Wilhelmine Ullrich wird am Kesterkamp 100 Jahre alt

„Was die noch alles weiß“, wunderten sich die Nachbarn in Linden schon immer. Jetzt wundern sich vor allem ihre Mitbewohner im Augusta-Seniorenheim am Kesterkamp über Wilhelmine Ullrich, die kreuzfidele Lindenerin: Die körperlich und geistig fitte Seniorin wird am 30.Oktober 100 Jahre alt.

Das „Linden-Blatt“, die hauseigene Postille des Seniorenheims, hatte sie schon vor dem Geburtstag mit einem Artikel hochleben lassen, die rüstige Dame, die noch jede Menge Balladen auswendig vortragen kann: Schillers „Glocke“ zum Beispiel, oder Uhlands „Der blinde König“.

Adelbert von Chamissos „Die alte Waschfrau“ (die aber erst im sechsundsiebenzigsten Jahr war!!) kann sie ebenfalls noch auswendig. Auch Wilhelmine Ullrich hat (Zitat) „ …stets mit sauerm Schweiß / ihr Brot in Ehr und Zucht gegessen / und ausgefüllt mit treuem Fleiß / den Kreis, den Gott ihr zugemessen.“ Die jungen Leute von heute aber, das weiß sie von ihren Enkeln und Urenkeln, „die können leider gar keine Gedichte mehr.“

Mitten in Weitmar wurde sie geboren – und hier hat sie bis zu ihrem Umzug ins Augusta-Seniorenheim auch gelebt: Mit ihren jüngeren Geschwistern Heinrich, Wilhelm und Klara wuchs sie seit 1922 an der Hattinger Straße 507 auf. Dort gingen sie nur für zwei Jahre weg, als die Familie im Krieg in den Kreis Meschede evakuiert wurde.

Wilhelmine Ullrich hatte die Franziskus-Schule in Weitmar-Mitte besucht, anschließend direkt am Engelbertbrunnen eine Lehre in einem Bochumer Fachgeschäft für Luxusartikel gemacht. Dass auch damals schon mancher Lehrling nach Abschluss seiner Ausbildung nicht übernommen wurde, erlebte sie am eigenen Leib: Wilhelmine wurde zunächst arbeitslos, konnte kurz darauf dann allerdings in einem Lebensmittelgeschäft anfangen.

Ihren späteren Mann, den Schlosser Reinhold Ullrich, den sie 1934 heiratete, kannte sie schon als Jugendliche. Mit ihm hatte sie zwei Töchter und den Sohn Ferdinand, der später einen Friseursalon betrieb und das elterliche Wohnhaus kaufte. Dort verbrachte die Mutter der Jubilarin, die letzten 21 Jahre ihres Lebens in einem gemeinsamen Haushalt mit ihrer Tochter.

Reinhold Ullrich, der wegen seiner Tätigkeit beim Bochumer Verein nicht in den Krieg ziehen musste,  war viele Jahre erster Vorsitzender der Lindener Kolpingsfamilie. „Da haben wir immer viele Ausflüge gemacht“, erinnert sich Ullrich. Ihr aktiver Mann starb schon 1975. Von diesem Zeitpunkt an verbrachte Wilhelmine Ullrich viel Zeit mit den Kindern und den drei Enkeln. Inzwischen haben sich zur Familie noch vier Urenkel hinzu gesellt, zu denen sie einen sehr engen Kontakt hat. Schwiegertochter Hedwig kümmert sich um die rüstige Rentnerin.

Dass ihre eigenen Kinder inzwischen alle verstorben sind, so sagt sie, verkrafte eine Mutter nur ganz schwer. Aber sie ist dennoch dankbar. „Ich habe ja ein schönes Leben, und die schlechten Zeiten vergisst man ja so schnell.“