Eine der ersten Intensivstationen Deutschlands wird 30 jahre alt

"Operation gelungen, Patient tot." Mit diesen ebenso harten wie korrekten Worten charakterisiert Dr. Ulrich Kampa, der Leitende Oberarzt der Intensivstation am Evangelischen Krankenhaus die Medizin des frühen 20. Jahrhunderts. Dass dieser Satz zum Glück heute nicht mehr stimmt, ist das Verdienst der Intensivmedizin, die seit 30 Jahren in Hattingen einen besonderen Stellenwert genießt: Am 1. April 1977 wurde am EvK eine der ersten Intensivbehandlungseinheiten (IBE) bundesweit eröffnet.
Dr. Kampa untermauert die damalige Vorreiterrolle des EvK mit anderen Gründungszahlen: Die Klinik in Mettmann eröffnete ihre IBE 1978, die Uniklinik Leipzig erst 1986. Selbst das große Marienhospital in Herne eröffnete erst kurz zuvor (1973). Hattingen war also in der Tat früh mit dabei. Weltpremiere war 1958 in Baltimore gefeiert worden, die erste IBE im mitteleuropäischen Raum wurde 1962 in Münster eingerichtet. Das erste deutschsprachige Fachbuch übrigens erschien erst 1972. Ein junger Fachbereich also, die Intensivmedizin.
950 Patienten werden derzeit jährlich auf der IBE behandelt, ein Viertel davon mit Beatmung. "Unsere acht Betten sind praktisch immer voll belegt", bilanziert Frank Sewing, der Leitende Intensivpfleger. Eine Erweiterung auf 10 Betten ist vom Regierungspräsidenten schon genehmigt, eine Förderung bereits beantragt.
Intensivmedizin ist wichtig, ist notwendig. Nur mit ihrer Hilfe ist es möglich, schwer Verletzte oder Kranke erfolgreich zu behandeln, die vor 50 Jahren nicht gerettet werden konnten. "Die Zahl der Intensiv-Betten", sagt Dr. Kampa, "muss weiter steigen." Gleichzeitig werden "normale" Klinikbetten überall in der Republik abgebaut.
Dr. Kampa erinnert sich an eine der ersten Patientinnen, die beinahe unglaubliche anderthalb Jahre praktisch auf der Station "lebte". "Ihr Ehemann war sozusagen bei uns zu Hause" erzählt Kampa. "Es gab – damals noch völlig unüblich – ein TV-Gerät im Zimmer. Und viel beiderseitige Zuneigung." Die Dame hatte 24 Lungenentzündungen überstanden, feierte auf der Station sogar ihren 75. Geburtstag, verstarb dann aber kurz danach. Ihr dankbarer Mann, der über viele Monate das Fehlen einer Küchenzeile auf der Intensivstation beklagt hatte, spendierte nach dem Tod seiner Frau der Station eine Küche, die es noch heute gibt.
Den enormen Weitblick Dr. Nahmmachers, des damaligen Chefarztes, und seiner Stations-Architekten, die für die Planung eigens nach Amerika geflogen waren, lobt Dr. Gerhard K. Schlosser, Chef der Abteilung Anästhesie und Intensivmedizin, noch heute. "Wenn ich 2007 mit genug Geld eine komplett neue Station bauen dürfte", sagt er, "dann würde sie wieder genau so aussehen."
Die IBE im EvK hat nämlich eine Besonderheit, die es auf moderneren Stationen aus Platzmangel und Kostengründen nicht gibt: Den außen umlaufenden "Besucherflur", der es erlaubt, völlig getrennt von den innen liegenden, zentralen Versorgungs- und Überwachungseinheiten, einen Patienten zu besuchen, ohne die anderen zu stören. Diese Besonderheit ermöglicht erst die seit vielen Jahren üblichen, besonders patientenfreundlichen Besuchsregelungen auf der IBE. Die gemeinnützige Stiftung Pflege e.V. wird die IBE deshalb in Kürze mit einem Zertifikat auszeichnen. Denn der Besuch, die Nähe von vertrauten Menschen, so die Stiftung, trage ganz wesentlich zur Genesung von Intensivpatienten bei.
Die hat es bei Schwerstkranken vor über 60 Jahren – mangels Intensivbehandlung - zumeist nicht gegeben. Selbst der "Erfinder" des hippokratischen Eides schreibt in seinem ergänzenden "Corpus Hippokraticum", dass der Arzt sich nicht an jene heranwagen solle, "die schon von der Krankheit gezeichnet sind." Gut, dass die Medizin so große Fortschritte gemacht hat.