Irene Kutz: 90 Jahre - und immer noch unterwegs...

Nein, es ist kein Druckfehler: Die 89jährige Irene Kutz hatte 2006 auf dem Weg zur Arbeit tatsächlich einen Berufsunfall. Oberschenkelhalsbruch. Danach zwei Mal Rehabilitation. Aber die Seniorin ist hart im Nehmen: Sie arbeitet schon wieder. Ehrenamtlich. In der Augusta-Kranken-Anstalt. Der Rollator, den sie als Gehhilfe in der Genesungsphase benutzen sollte, ist fast Geschichte. „Den  gewöhn‘ ich mir jetzt ab“, lacht die Dame, die am 11. Juni 90 Jahre alt wird – und natürlich ohne Rollator zum Gespräch erschien.

Statt dessen schiebt die rüstige Seniorin lieber den großen Bücherwagen durch‘s Augusta, denn Irene Kutz ist schon seit 1992 Mitarbeiterin im rund 15köpfigen Team der Patienten-Bücherei: Jede Woche ist sie mit dem Bücherwagen in jedem Zimmer des Augusta unterwegs, um den bettlägerigen Patienten Lektüre aus der hauseigenen Bibliothek anzubieten. Rund 2.500 Exemplare gibt es. Viele z.B. auch in russischer, türkischer oder polnischer Sprache, in Großdruck – oder auch als Hörbuch.
Als 1984 unter der Ägide von Pfarrer Hartwig Burgdörfer die Krankenhaushilfe gegründet wurde, war Irene Kutz schon wenige Wochen später mit dabei: Sie hatte gelesen, dass im Augusta ehrenamtliche Helfer gesucht wurden, hatte sich bei Oberschwester  Ingeborg Pungs vorgestellt - und war für den Besuchsdienst angenommen worden.
Als sie aber das erste Mal vor einem Krankenzimmer stand, habe sie plötzlich nicht mehr gewusst, „ob ich klopfen sollte, oder doch besser nicht.“ Sie habe sich dann aber ein Herz gefasst und es sei dann überhaupt kein Problem mehr gewesen. Schon bald habe die Schwester sie gelobt, denn „bei ihnen essen die Patienten mehr als bei uns.“ Logisch, sagt sie, denn schließlich habe sie die Menschen beim Füttern zu jedem Löffel regelrecht überredet.Vor ihrem Engagement  für die Kranken war Irene Kutz schon sechs Jahre für die Nachbarschaftshilfe der Stadt Bochum tätig gewesen. „Wir haben Senioren besucht“, sagt sie, „ihnen bei Behördengängen und beim Ausfüllen von Formularen geholfen.“Sie habe halt schon immer schlecht herumsitzen können. „Ich musste immer etwas tun.“ Sie sei viel Schwimmen und Wandern gegangen, und sie hat sich schon immer für die Hausfrauenhilfe engagiert. Außerdem sei sie mit ihrem Ehemann Max sehr oft mit dem Auto unterwegs gewesen. Mehrfach im Jahr ging es zu Verwandten nach Wien – und einmal sogar bis zum Schwarzen Meer. Max Kutz fuhr nie – und die Nachbarn sagten immer: „Er  fährt, aber Irene hält das Lenkrad.“ 
Seit Max 1980 starb, lebt Frau Kutz allein, denn, so witzelt sie „meine Verwandten sind ausgestorben.“ Um so mehr geht sie in ihrer ehrenamtlichen Arbeit auf, die sie wohl auch jung hält, denn die fast 90 Jahre sieht man der Beinahe-Jubilarin, die auch eine richtig lustige Gesprächspartnerin ist, beileibe nicht an.
Ob und wo sie denn auch vorher schon selbst einmal Patientin gewesen sei, wird die Jubilarin gefragt. „Hier im Augusta natürlich“, sagt  sie, klopft dabei energisch auf den Tisch und lacht: „Da habe ich mich auch mal bedienen und verwöhnen lassen.“
Sie fühlt sich sehr wohl im Augusta und wird sicher noch einige Jahre in der Riege der „Ehrenamtlichen“ mitmischen. „So lange die mich hier nicht rausschmeißen“, sagt Irene Kutz schelmisch, „mache ich weiter.“ Da kann Krankenhaus-Seelsorger Hartwig Burgdörfer nur noch zustimmend nicken.