Augusta in Stadtarchiv-Ausstellung vertreten

“Sieben und neunzig Sachen. Sammeln - bewahren - zeigen. Bochum 1910 - 2007“ heißt die kulturgeschichtliche Ausstellung, die gleichzeitig mit der Eröffnung des Stadtarchivs bzw. Bochumer Zentrums für Stadtgeschichte die Pforten im ehemaligen ARAL-Haus an der Wittener Straße 47 öffnete. Exponat Nr. 25 unter der Rubrik „GefühlsSachen“ ist – eine Krankentrage aus dem Augusta.

Die anderen Objekte entstammen unterschiedlichen Epochen - von der Urzeit bis zur Gegenwart. Sie legen Zeugnis ab von Bochums Vergangenheit und ermöglichen eine etwas andere Annäherung an die Stadt- und Kulturgeschichte. Den Vortrag zur Ausstellungseröffnung hielt Prof. Dr. Gottfried Korff, Tübingen.
Mit etwas Verspätung wurde auch der großzügig aufgemachte Katalog zur Ausstellung vorgelegt, der im Essener Klartext Verlag erschienen ist und auf Seite 94/95 die Trage zeigt. Autor Stefan Pätzold erzählt einiges zur Geschichte (Original-Katalogtext siehe unten).
Die 23 Jahre währende Unterbringung des Stadtarchivs an der Kronenstraße ist Geschichte, der Umzug mit über 8.000 laufenden Metern Archiv- und Sammlungsgut vollzogen -  auch wenn (aus Platzmangel) aktuell noch einiges an Archivmaterial an der Kronenstraße lagern muss.
Die Gründung des Bochumer Zentrums für Stadtgeschichte geht auf einen Beschluss des Rates der Stadt Bochum zurück. Die Kultureinrichtung gliedert sich nun in die Bereiche Stadtarchiv, Historische Ausstellungen, Erinnerungskultur und Veranstaltungen. Sie übernimmt damit auch die seit vielen Jahren in Bochum nicht mehr besetzte Funktion eines Historischen Museums.

Aus dem Katalog:
KRANKENLIEGE AUS DER AUGUSTA-KRANKEN-ANSTALT
um 1900
Eisen, lackiert, Eisendraht, Vollgummi, Kunststoff; H 91,5 cm, L 200 cm, B 70 cm
Zugang Stadtarchiv ca. 1991

„Wer einer Liege bedarf, ist entweder schwer krank oder verletzt, kann sich jedenfalls nicht mehr aus eigener Kraft fortbewegen und dürfte Schmerzen, gewiss auch Angst haben. In Anbetracht dieser Emotionen liegt die Assoziation durchaus nahe, ein solches Hilfsmittel wie alle Dinge, die auf menschliche Gebrechen verweisen, in eine als „Gefühlssachen" bezeichnete Gruppe von Gegenständen einzuordnen.

Die Liege besteht aus einer Trage, die auf einem Gestell mit sechs Rädern ruht. Sie fand um 1900 in der Bochumer Augusta-Kranken­Anstalt Verwendung. Das Krankenhaus war im Jahr 1864 auf Betreiben mehrerer evangelischer Bürger der Stadt, darunter des Bochumer Landrates Adolf von Pilgrim, gegründet worden und 1896 in den Besitz der evangelischen Kirchengemeinde übergegangen. Damals, kurz vor der Jahrhundertwende, verfügte die Kranken-Anstalt über 200 Betten. Betreut wurden die Patientinnen und Patienten von Diakonissen, die zunächst aus dem Mutterhaus Kaiserswerth, dann aus Neuvandsburg (Elbingerode im Harz) kamen.

Etwas älter als die Augusta-Kranken-Anstalt ist das katholische Elisabeth-Hospital, das bereits 1848 eröffnet wurde. Es stellte sich aber rasch heraus, dass angesichts steigender Bevölkerungszahlen ein einziges Krankenhaus allein zur Versorgung der Menschen bei weitem nicht mehr ausreichte. Vor der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Bochum keine entsprechenden Einrichtungen, wenn man von dem bereits im Spätmittelalter existierenden Hospital absieht.

Der Zweck des „hospitails und gemeynen gasthuses" war, wie es in einer Urkunde von 1438 hieß, „dat man [...] dey ellenden, armen und kranken broider [...] spysen und laven sal". Es diente somit - durchaus typisch für mittelalterliche Spitäler - nicht allein, ja nicht einmal vordringlich der Heilung Kranker, sondern generell der Pflege und Betreuung Hilfsbedürftiger, darunter alter Menschen sowie der Unter­stützung von Findlingen und Waisen, Pilgern und Reisenden oder Armen. Aussätzige und andere ansteckend Kranke wurden in eigens für sie geschaffenen, abseits gelegenen Einrichtungen untergebracht.

Im Mittelalter und bis weit in die frühe Neuzeit hinein übten die Heilkunst ganz unter­schiedlich qualifizierte Frauen und Männer aus. Universitär ausgebildete Ärzte waren selten und verfügten in der Regel kaum über praktische Erfahrungen. Anders verhielt es sich bei den in der Kräutermedizin bewanderten Klerikerärzten und den wundärztlich tätigen Chirurgen, unter denen sich auch mancher Bader befand. Solange allerdings Urinschau und Aderlass zu den wesentlichen diagnostischen bzw. therapeutischen Mitteln zählten, sollte man sich von der Wirksamkeit der mittelalterlichen Heilkunst keine übertriebenen Vorstellungen machen. In hohem Ansehen stand freilich unter Zeitgenossen die jüdische Medizin, besonders im Bereich der Augenheilkunde. Die Geburtshilfe oblag bereits damals vornehmlich Hebammen. Daneben gab es zahlreiche weise' Frauen und Männer, die oftmals umherzogen und frei praktizierten, sowie Quacksalber und Scharlatane, die - zumeist auf Märkten - ihre Wundermittel anpriesen.

Carl Arnold Kortum ließ sich 1770 in Bochum nieder und eröffnete eine Praxis, in der er an sieben Tagen in der Woche Patienten behandelte. Kortums ausgezeichneter Ruf als Mediziner drang weit über die Bochumer Stadtgrenzen hinaus. Seiner „Nachricht vom ehemaligen und jetzigen Zustande der Stadt Bochum" ist zu entnehmen, dass die Versorgung der Einwohnerschaft im Jahr 1722 zwei Apothekern und drei Barbieren oblag; 1789 kümmerten sich immerhin „1 christlicher und 1 jüdischer Doktor der Arzney, 1 Apotheker nebst einem Gesellen, 5 Chirurgien mit 2 Gesellen" sowie zwei Hebammen um die Menschen in der Stadt. Die Eröffnung des ersten (neuzeitlichen) Krankenhauses in Bochum hat Kortum nicht mehr erlebt: Er starb - achtzigjährig - im August 1824.“

STEFAN PÄTZOLD

Das Werk - 280 Seiten, fester Einband - kostet im Buchhandel 29,90 Euro