"Das ist Medizin"

29.03.2006 / LOKALAUSGABE / WITTEN

"Das ist Medizin"

Ärzte und Pfleger aus der Region flogen nach Indien, um Menschen mit Lippen-, Kiefer- und Gaumenspaltenoder Verbrennungen zu helfen. In Jalna in zehn Tagen 130 Menschen operiert

Von Nina Estermann

Es war eine lange Reise. Von Deutschland aus ging es nach Bombay. Und von dort aus war es noch eine Flug- und eine Autostunde bis zum Zielort, Jalna. 350 000 Einwohner hat die Stadt im Staat Maharashtra, 130 davon warteten bereits sehnsüchtig auf die beiden Interplast-Teams aus Deutschland. Bereits zum dritten Mal waren die Mediziner in Jalna, um dort Patienten mit Lippen-, Kiefer- und Gaumenspalten und mit schweren Verbrennungen zu behandeln. "Das ist es, was ich immer wollte, nämlich Medizin." Dr. Gerhard Schlosser, Anästhesist am Hattinger EvK, genießt die Zeit im Einsatz für Interplast. In Indien zählt die schnelle und unbürokratische Hilfe der deutschen Ärzte. Das sieht seine Kollegin, die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgin Dr. Jihan Mohasseb ähnlich: "In- und Output sind maximal. Das ist immer eine Möglichkeit, bis an die eigenen Grenzen zu gehen, über sich hinaus zu wachsen." Für Dr. Detlef Cramer, Anästhesist an der Bochumer Augusta-Krankenanstalt, sind die jährlichen Auslandseinsätze eine willkommene Gelegenheit, fremde Kulturen kennen zu lernen. "Und das geht nun einmal am besten, wenn man Kontakt zu Einheimischen hat." Und wenn die Ärzte und Pfleger in Indien eines ausreichend hatten, dann war das Kontakt zur Bevölkerung: 130 Patienten in zehn Tagen haben sie behandelt.  Die Bilder der Patienten vor der Behandlung sind oft erschreckend. In Deutschland werden Kinder, die mit einer Lippen-, Kiefer- oder Gaumenspalte auf die Welt kommen, mit etwa vier Monaten operiert. Nicht so in Indien. "Wir sehen dort auch 16- oder 25-Jährige mit Gesichtsspalten", erzählt Dr. Schlosser, der in Witten lebt. Hauptsächlich werden aber Kinder zwischen drei und fünf Jahren behandelt. Bereits zum dritten Mal waren Schlosser, Cramer und Mohasseb, gemeinsam mit acht weiteren Kollegen nach Indien gereist. Zwei Operationssäle standen den Ärzten und Pflegern im dortigen Krankenhaus zur Verfügung. Im Vorfeld hatte der Chef der Klinik die Patienten ausgewählt, die behandelt werden sollten. "Wir sind gut klargekommen", meint Dr. Cramer. Auch das Klima hat den Ärzten nicht weiter zu schaffen gemacht - bis zu 38 Grad bei trockener Luft. Untergebracht waren die Mannschaften in einem Hotel. "Für indische Verhältnisse war das top", flachst Cramer. Denn die Zimmer hatten eigene Toiletten und sogar Duschen. Aber zur Erholung war ja auch niemand nach Asien gereist. Unter den Reisegefährten herrscht eine entspannte Stimmung. "Wir haben eine gewisse Schwingungsbreite", grinst Cramer. Von morgend bis spät abends haben die Mediziner zusammengearbeitet, nur zwei freie Tage gab es im Einsatz.  "Die Erfolge, die wir in Indien haben, sprechen sich dort herum. Mittlerweile kommen Patienten schon von weit her angereist", freut sich Dr. Schlosser. Schon ist die Warteliste für das kommende Jahr voll. Das schönste Erlebnis sei in diesem Jahr die Begegnung mit einer Patientin vom letztjährigen Einsatz gewesen, erzählt Cramer. Nach einer schlimmen Verbrennung waren der jungen Frau die Fersen am Gesäß festgewachsen, so dass sie sich nur auf den Knien rutschend fortbewegen konnte. In einer Operation hatten die deutschen Ärzte ihre Beine wieder gestreckt. Und in diesem Jahr sei sie gelaufen

gekommen, um sich zu bedanken