Balsam für die Seele

Über die Fernsehbildschirme flackern die Kicker ins Krankenzimmer und sorgen für Ablenkung.

Patientin Alexandra Kress verpasst kein Spiel. Chefarzt: Die Menschen bauen durch die WM Stress ab

Wenn derzeit jemand von Fieber spricht, dann im Allgemeinen in Verbindung mit Fußball. Ganz hinterlistig und im wörtlichen Sinne jedoch hat es Alexandra Kress gepackt: Statt Fähnchen schwenkend im Biergarten zu sitzen, hockt sie, mit Kanüle in der Hand, in ihrem Krankenzimmer auf der Privatstation des Augusta-Hospitals. Während andere sich vergangene Woche im Ruhrstadion vergnügten, wurde sie operiert. Und ließ sich anschließend trotz steigender Körpertemperatur die Spielfreude der Brasilianer, "diesen Tanz beim Fußballspielen", nicht entgehen.

"Nur später am Abend, da fielen mir die Augen zu. Das Fieber schafft einen ja richtig", sagt die 38-Jährige fast entschuldigend. Auf dem Nachttisch steht ein Foto von ihrer Tochter Stella - im Brasilien-Trikot. Dass sie kein WM-Spiel verpasst, trotz Nierenbeckenentzündung, Operation, Hitzewallungen, findet sie normal. "Ich bin EM- und WM-Fan und in zwei Tippgemeinschaften. Und ich bin richtig gut", lacht sie. "Aber dass ich noch keines der WM-Events mitbekommen habe, macht mich schon traurig." Ansonsten seien die Spiele eine "Super-Ablenkung". Naja, Mittwoch kommt sie wohl raus. Bis dahin heißt es noch Fernsehschauen zwischen Bettenmachen und Arztvisite.

Aber auch bei der ist im Moment das Kicken Gesprächsgegenstand Nummer eins, wie Alexander Petrides, Ärztlicher Direktor, erzählt. Kürzlich hätte eine 92-Jährige in seiner Sprechstunde ständig auf die Uhr geschaut. Warum, erfuhr der Chefarzt bald: Die Frau wollte auf keinen Fall den Anpfiff verpassen.

Die positive Grundstimmung sei geradezu ansteckend. "Aber Krankheiten heilen kann sie nicht", mahnt Petridas sofort. Obwohl ...? "Einen Bluthochdruck kann man damit nicht beseitigen. Aber die Entspannung und Gelassenheit kann bewirken, dass weniger Medikamente genommen werden müssen." Zumindest in einem anderen Zusammenhang sei das mittlerweile belegt, so Petrides. Haustierfreunde kämen mit weniger Pillen aus als Patienten ohne Begleiter auf vier Pfoten.

Auch das Public-Viewing sorge nicht für mehr Publikum in der Ambulanz. Insgesamt, glaubt der Internist, ist die WM Balsam für die deutsche Seele. "Der Effekt liegt im Psychischen. Ob er nachhaltig ist, weiß man nicht. Aber es ist eine Chance, sich selbst anders kennen zu lernen."

26.06.2006 Von Géraldine Fenske