Hilfe in Dibidibi

So heißt das wohl zweitgrößte Flüchtlingslager der Welt. Das größte bleibt unangefochten in Kenia, im Norden von Nairobi mit Flüchtlingen aus Somalia. Hier sind es wohl 250.000, die seit August/September und nun in einer neuen Welle seit Mitte Januar aus dem Südsudan nach Uganda herübergekommen sind. Nach einer abenteuerlichen Fahrt mit der Fähre über den Nil, dann noch drei Stunden Piste, bis wir zum Lager kommen.  Es sieht unscheinbar aus: hier eine Zeltplane, dort eine Hütte, ein paar Lehmhäuser, soweit das Auge reicht.  Nicht wild durcheinander, aber auch nicht wirklich geordnet. Die nagelneuen Gebäude der UN und UNHCR stehen - mit Stacheldraht bewacht – auch so herum, aber eher an exponierten Plätzen. Weit und breit kein Baum, nur wenige Sträucher, unfruchtbarer Boden. Wir fahren wir ein paar Kilometer, bis wir zu einer blauen Zeltplane kommen: eine provisorische Kirche. Da die Leute aus dem Südsudan schon Gemeinden angehörten, haben sie in wenigen Wochen ihre Strukturen wieder aufgebaut.  Es funktioniert.

Es wird kräftig gesungen, wir werden alle willkommen geheißen: auf Englisch, dann in Bari und Arabisch übersetzt. Bis jetzt noch alles ganz okay. Dann werde ich als besondere Attraktion vorgestellt: ein Arzt, der alle Patienten (im Minibus) ansehen wird, zusammen mit Ashley, einer Krankenschwester aus Kalifornien, die noch nie in ihrem Beruf gearbeitet hat. Schmerzen im Allgemeinen und besonders Rückenschmerzen als Spezialität. Meine Kollegin hat noch ein paar Ibuprofentabletten dabei, und ich bin versucht, an das Wunder mit der Speisung der 5000 zu denken. Sollten wir die Leute schon mal in Gruppen lagern? Aber so viel Glauben habe ich nicht. Im Bus wird es nicht funktionieren: niedrig und voller Sitze. Wir gehen zu einem abgestorbenen Baum, machen einen Stuhlkreis von etwa 6 - 8, dann eine zweite Reihe Stehplätze, etwa 40 Leute. Die anderen 200 singen im Zelt derweil engagiert weiter. Alle sind gespannt, wie es weitergeht. Ich auch. Ein Pastor kann etwas Englisch und macht den Übersetzer. Der erste Patient klagt darüber, dass seine Hand zittert, wenn er etwas schreiben soll, und außerdem habe er eine Tonsillitis gehabt. Hat im Healthcenter sechs Tabletten Paracetamol bekommen. Ist kerngesund. Die zweite Frau sei fünf Mal an einer Appendizitis operiert worden, hätte immer noch Schmerzen. Wir beraten uns kurz. Das Konzept wird nicht aufgehen.

Wir bieten an, für die Patienten zu beten. Alle einverstanden. Es stellt sich, ganz ohne Gedränge, ein Patient nach dem anderen vor. Jeder klagt seine vordringlichsten Leiden. Ashley und ich legen die Hände auf die adressierte Stelle und dann beten wir abwechselnd mit den Patienten, sie in Englisch, ich in Deutsch. Nächster Patient. Ruhig und ohne Hast geht das so weiter. Ein freundliches Lächeln, ein warmer Druck mit der Hand, ein „Gott segne dich“. Wir hatten etwas anzubieten! Maximale, nicht invasive Therapie.

In etwa hundert Metern Entfernung entsteht plötzlich eine Windhose (kleiner Wirbelsturm), der alles aufrüttelt, besonders die Asche auf dem Boden. Schwarz und bedrohlich kommt sie auf uns zu, wirft zwei Hütten und das gesamte Geschirr eines Nachbargrundstückes um. Sofort ist der Pastor dabei, diese für ihn offensichtlich dämonische Bedrohung mit Gebet abzuwehren. Was dann wohl auch gelang, denn die Windhose nahm eine andere Richtung an.

Als wir so etwa 30 Patienten behandelt hatten, waren wir fertig; die Jungs im Zelt predigten allerdings noch weiter. Was nun? Da die Hälfte der Patienten über Rückenschmerzen klagte (wie auch in Paraguay: che lomo hasy oder im Ruhrgebiet: ich habe Rücken) einmal demonstriert, was rückenschonendes Arbeiten ist. Waren ganz dabei und haben gut mitgemacht. Ob sie sonst noch etwas wissen wollten? Ja, wie das denn mit den Augen ist, warum man blind wird. Habe eine Unterrichtsstunde über Trachoma, riverside-blindnes und grauen Star gehalten: auf den Boden gezeichnet, grüne und trockene Blätter gelegt und in den Sand gemalt. Auch ein deja-vu-Erlebnis.

Aber nun sind alle fertig. Ein paar Säcke Reis, Zucker und Bohnen sind gespendet und werden übergeben, alle steigen ein und….Haaalt. Eine Frau liegt in den Wehen und das läuft nicht so richtig weiter. Sie wird von einem Dutzend Leuten über Stock und Stein bis ans und ins Auto gebracht und auf die dritte Bank gelegt. Sie scheint bewusstlos zu sein. Atem geht flach. Und die Wehen kommen alle drei Minuten, fünfte Schwangerschaft. Die Frau ist so mager, dass es einem den Hals zuschnürt. Da bewegt sie ihre Augen und schaut mich an: sie ist einfach nur völlig fertig. Üblicherweise kriegen sie von den lokalen Hebammen erstmal nichts zu essen und zu trinken, wenn die Wehen anfangen. Die Fruchtblase ist noch ganz, lediglich eine quere Furche stimmt mich bedenklich. So hauen wir ab, Richtung Maternity des Healthcenters. Die Fahrt dauert 20 Minuten, alle im Bus sind still. Wir können die Patientin gut abliefern und an die diensthabende Hebamme übergeben. Ob weiter alles gut gelaufen ist, weiß ich nicht, werden es wohl morgen erfahren. 

Dann geht es wieder zurück, erwischen die letzte Fähre über den Nil und feiern abends noch den Geburtstag von Ashley.

LG,

A. Klassen
Dr. Alfred Klassen - Ajumani (Uganda), den 5.2.17

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