Dr. Klassen
aus dem Südsudan – Teil 9

Bethlehem

Vorgestern Abend ist es spät geworden. Am Ausgang des Krankenhauses öffne ich die kleine Tür, um rauszugehen, aber es geht nicht. Ein grauer Kopf mit langen Ohren und klugen Augen schaut mich vorwurfsvoll an und meint, ich solle endlich das Tor aufmachen, er hätte etwas Wichtiges gebracht. Irgendwo habe ich ihn schon gesehen. Und wirklich, jetzt fällt es mir ein. Es ist der Weihnachtsesel. Er war ja damals auch schon klug (dass Esel dumm sind ist ja ein Märchen, zeigt die Beschränktheit der Menschen!). Er hat als einziger gewusst, dass im Stall noch Raum war, und eine Krippe, und Stroh für ihn, sozusagen eine win-win Situation. Aber nun steht er vor mir und ich helfe mit, das Tor aufzumachen.

Er ist angeschirrt, zieht einen Wagen – Einachser ohne Zulassungsbeschränkung - mit einer Ladefläche von etwa 1 x 2 m, 16 Zollreifen, ungefedert, die Blechhalterung von vorne und hinten schräg auf die Räder montiert. So fährt das junge Gemüse unten mit, während oben die wichtigen Personen oder teure Fracht 1. Klasse bucht, praktisch ein „DDD“ = DonkeyDoppelDecker. Aber diesmal ist es tatsächlich eine junge Frau, hochschwanger, in Wehen, wohl zu der halben Nacht... Sie wird nicht abgewiesen, bekommt ein Bett, einen Schluck Wasser (traditionell bekommen Frauen ab der ersten Wehe hier nichts mehr zu trinken), und die Geburt wird abgewartet. Den Kreissaal beschreib ich Ihnen lieber nicht.

Die eine Hebamme aus Kenia hat den Vertrag nicht verlängert bekommen (die Behörden wollten 4000 Dollar Arbeitserlaubnis für ein Jahr), die andere aus Uganda ist vor 2 Tagen in Ferien gegangen und kommt vielleicht auch nicht zurück. Ich überlege kurz, ob ich zurückgehen soll; im Moment bin ich der erfahrenste Geburtshelfer hier. Aber die werden das schon hinkriegen, und ich wohne 100 m entfernt. Überall auf der Welt bekommen die meisten Frauen ihre Kinder selber, man darf nur nicht zu sehr drängeln. Und es ist auch diesmal alles gut gegangen. Ein süßes kleines Dinkamädel hat gegen 2 Uhr morgens nicht gerade das Licht der Welt aber so etwas Ähnliches erblickt. Bei der Visite um 9 sind sie schon wieder weg, alle beide, ein Service des Mother Teresa Hospital Turalei.

Nairobi, den 19.12.17

Mit einer zweimotorigen – weiß und rot angestrichenen - Fokker ist er gestern angekommen, der sehnlichst erwartete (und auch befürchtete) Bischof. ( Nikolaus?) Ein ganzes Flugzeug voller Hilfsgüter: Matratzen für das Krankenhaus, Ersatzteile, Unterstützung für die umgebenden Pfarreien, Material für die 5 Schulen mit ihren fast 4000 Schülern, Nahrungsmittel für die Projekte der Missionaries of Charity (Mother Teresa). Und er kommt selber; das macht den wirklichen Unterschied. 2 Wochen Weihnachtsbesuch: einigen auf die Zehen treten und viele ermutigen weiterzumachen.

Mit Sister Cathy und Jürgen Prieske (beide erfahrene Mitarbeiter im BGRRF – der Stiftung) fliegen wir zu dritt nach Nairobi zurück. Eine kleine Kiste Eier (persönlich für den Bischof) haben wir noch unter einem Sitz gefunden. Tja, zurückschicken geht nicht. Ein Riesenomelett? Wäre wirklich ein ernst zu nehmender Vorschlag, aber ich habe hier in der Nähe eine Pizzeria gesehen und ein Café.

Kurz vor Mitternacht bekomme ich noch eine WhatsApp Nachricht mit Foto aus Turalei. Ultraschallbild mit Frage: Dr, what is that? Recomendation? Das Gerät stand dort einfach rum und ich habe mit den pfiffigen Jungs jetzt 2 Wochen fleißig geübt. Das hat man nun davon. Super. Wie in Deutschland mit den Röntgenbildern, bloß dass ich nicht schnell mal reinkommen kann.

Heute Abend geht es wieder nach Frankfurt, Direktflug, und ab morgen – später Vormittag – repariere ich im Evangelischen Krankenhaus in Hattingen wieder Knochen und ersetze Gelenke oder – wovor mich der Herr bewahren möge – sitze am Schreibtisch, codiere Diagnosen und gebe Akten frei. Good bye Africa. I´ll be back.

Ein paar Bilder von hier schicke ich noch in einer separaten Mail.

LG aus Nairobi Dr. Alfred Klassen

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