Dr. Klassen
aus dem Südsudan – Teil 7+8

Alltag

Der Wecker klingelt um halb 7. Seit der Malariaprophylaxe schlafe ich wieder schlecht, aber ich habe mir vorgenommen, mich nicht darüber zu ärgern. Vielleicht sollte ich doch umsteigen auf Reinhard Micheels‘ bewährtem Mittel: Johnnie Walker Red Label. Um 7 beginnt der offizielle Tag mit der Frühmesse. Father Janusz bringt eigentlich immer nur Heiligengeschichten und Marienerscheinungen, und so schwänze ich öfter. Die Lieder sind eh in Dinka und die Bibel kann ich besser verstehen, wenn ich sie selber lese. Aber die Sisters gehen regelmäßig hin und auch ein paar Angestellte des Krankenhauses. Donnerstags findet die Veranstaltung im Krankenhaushof statt, neben dem Monument, da bin ich dabei.

Ab 7:45 gib es Frühstück. Man kann wählen zwischen einem Brötchen von gestern mit oder ohne Marmelade (derzeit Mixed Fruit Jam, die erste Woche war es Plum Jam). Dazu Pulverkaffee mit Trockenmilch oder Tee mit Zucker, zwei Thermoskannen mit heißem Wasser. Getränke kann man nachfüllen. Für persönliche Gepflogenheiten bleibt dann noch Zeit, denn die Visite im Krankenhaus ist um 9:00 Uhr sharp (mehr oder weniger). Es gibt dort etwa 10 Wanduhren und jede steht anders.

Um 13 Uhr gibt es Mittagessen. Der rechte Topf hat Reis, der Linke Bohnen und der in der Mitte entweder Linsen oder gekochte Hühnchen. Nach dem gemeinsamen Essen werden die Töpfe zugemacht, und das ist dann wieder das Abendessen. Was dann noch übrig bleibt, bekommt der Nachtwächter. Heute ist der 15. Tag in ununterbrochener Reihenfolge. Es wurden Süßkartoffeln gesichtet und einmal einen Minitopf mit Spaghetti ohne Soße. Zu Trinken gibt es Wasser; man kann sich aber auch einen hiesigen Hybiskustee mixen oder sich mit Limetten vom Baum einen guten Saft machen. Mangos gibt es gelegentlich (wenn die Schüler die nicht geklaut haben) und einmal Papayas. Aber ich habe jeden Tag zu essen und danke Gott dafür. Auch für das problemlose Abnehmen.

Am Nachmittag gehe ich meist nochmal ins Krankenhaus, schaue die operierten Patienten an, fotografiere und rede mit den Leuten. Direkte Interviews mache ich wenig, aber ich kriege schon vieles mit, was sie so bedrückt und warum einiges besser laufen könnte. Mit Phillip (Anästhesist) wollte ich noch laufen gehen, aber er rät ab. Zu viele Hunde. Ich habe den Trick jetzt raus: sie kommen erst gegen 7, also früher laufen!

Gegen Abend, wenn die Sonne schon tiefer liegt, üben die jungen Tauben auf dem Innenhof das Fliegen. Sie nisten in allen Bäumen der Pfarrei und unter den Dächern des Krankenhauses, außer im Giebel, dort hausen die Fledermäuse. Vor 2 Monaten sind die Küken geschlüpft, seit ein paar Wochen flügge. Sieht immer lustig aus, wenn sie starten. Mit viel Geflatter steil in den Himmel und dann segeln sie langsam runter. Die Federn sind noch ein bisschen kurz und behindern sie noch beim Steuern. Auch das Landen klappt nicht immer, weil sie sich manchmal ein Blatt anstatt einen Ast ausgesucht haben. Aber sie bleiben dran. Und Abstürzen gilt nicht. Oben in der Luft kreisen ein paar Falken oder Bussarde. Heute hing ein größerer blauer Vogel mit großem Schnabel am Fenstergitter und wollte im Zimmer Siesta machen, aber ich habe ihn nicht reingelassen, trotz intensivem Geschrei. Eine größere Spinne wäre willkommen, die würde das kriechende Ungeziefer vernichten. Das Moskitonetz ist dicht. Die Dusche ist vollautomatisch, d.h. es kommt Wasser, wenn man am Hahn dreht.

Die Fathers sitzen vor dem Abendessen noch draußen auf dem Hof und lassen den Tag Revue passieren. Es muss dabei nicht unbedingt gesprochen werden. Wenn die wenigen Mücken dann satt sind (es ist Winter, Trockenzeit) geht es zum Abendessen um 19:30 Uhr. Danach lockert sich die Stimmung etwas, man erzählt von aktuellen Unternehmungen oder von früher.

Manchmal gehe ich dann noch rüber zum Wohnbereich der ausländischen Fachkräfte. Sie haben eine Satellitenschüssel und ziehen sich ab 8 nigerianische Schnulzen rein, mit starken Männern, hübschen Frauen, Tränen und viel Magie (oder Premierleaguespiele, mit Anfeuern und bei den Toren hochspringen) und um 9 gibt es Nachrichten. BBC und Al Jazeera ganz passabel, CNN kann man vergessen.

Das Zimmerlicht ist relativ hell. Die letzte Zeitung aus Nairobi habe ich schon vor- und rückwärts gelesen, zwei Bücher aus dem Esszimmer der Fathers, ein paar mitgebrachte angefangen, schreibe hin und wieder was. Über WhatsApp, email und Telegramm klappt die Kommunikation besser als je zuvor, auch wenn ich dazu spät abends zwischen dem Container der Aktion Canchanabury, dem Krankenhauszaun und dem Hofbrunnen stehen muss. Aber ich brauche nur nach oben zu schauen. Das ganze Sternenzelt breitet sich über mir aus und ich danke dem Einen, der über mir wacht.

LG, Dr. Alfred Klassen
Turalei, Südsudan


Asterix im Südsudan

Nein, er ist nicht hier gewesen. Ich wünschte, er und sein dicker Freund würden mal vorbeikommen, mit Hund. Hätte da ein paar Aufträge im Angebot. Und das Festessen natürlich, fast vergessen. Die Hefte der Neuzeit fielen genau auf meine Afrikareisen. „Bei den Pikten“ in Paris im Flughafen gekauft, auf Französisch (die Bilder sind ja sowieso verständlich und ich hatte eine gute Übersetzerin), als ich mit einer Truppe 2013 auf dem Weg nach Mali war; „Der Papyrus des Cäsar“ habe ich gerade noch durchgelesen, bevor ich 2015 in die Nubaberge fuhr. Darin kamen sogar Nubier vor, die stummen Schreiber (stimmt ja so nicht ganz, sie reden/rufen/schreien sogar, wir hören bloß nicht hin). Und jetzt „Asterix in Italien“. Die Deutschen lieben die Italiener, schätzen sie aber nicht; die Italiener schätzen die Deutschen, lieben sie aber nicht.

Ein Wettrennen durch Italien, mille miglia. Zwei kuschitische (=sudanesische) RennfahrerInnen sind mit am Set: Etepetete und Rakete. Der allgegenwärtige korrupte Sponsor – mit dem verjüngten Gesicht des ehemaligen Präsidenten Berlusconi –, Eigentümer einer Geschmacksverstärkungsfirma (geht auch als Wagenachsenöl, Entroster, zur medizinischen Behandlung und einiges mehr) schmiert sich durch alle Instanzen, um dann doch noch – trotz allerhöchster damaliger Intervention – gegen unsere Helden zu verlieren. Tja, und damit sind wir mitten im Südsudan.

Es gibt nichts, dass man hier nicht bekommen kann, gegen gutes Geld, außer Qualität. Das fängt im Kleinen an, wenn man irgendetwas braucht, eine Unterschrift, einen Stempel, Genehmigung, Beglaubigung, eine Urkunde (das waren jetzt die hoheitlichen Funktionen der Beamten) bis zu den normalen Mühen des täglichen Lebens: Einkauf, Verkauf, Schule, Krankenhaus, Wohnung, Arbeit, Immobilien. Auf jeder Ebene. Es sickert überhaupt nichts nach unten durch. Die hohen Herrschaften reisen gern und viel; die meisten haben ihre Familien bereits außer Landes gebracht und besitzen Eigentum in den umliegenden Staaten wie Uganda und Kenia oder auch in den USA und Australien.

Meine ausländischen Mitarbeiter im Krankenhaus erzählen gerade, wie in ihren Heimatorten die Preise hochgehen, weil Südsudanesen alles wegkaufen oder wegmieten. Alles gegen amerikanische Dollar. Es sind irrsinnige Summen, die zur Seite geschafft werden. Man fragt sich, woher eigentlich das Geld kommt. Die Öllieferungen sind reduziert worden (den chinesischen/malaysischen/indischen Firmen ist es aber egal, an wen bezahlt wird) und die meisten Menschen zahlen hier keine Steuern: sie sind nicht steuer- und sozialversicherungspflichtig angestellt. Das sowieso nie, hat nichts mit dem Einkommen zu tun. Natürlich bringen Waffen einiges (die hier durchgeschleust oder verwendet werden), Gebühren für die verschiedenen Hilfsorganisationen – ganz vorne die UN, UNHCR, WFP und viele andere mehr. Und man spart Personalkosten, indem man die Angestellten einfach nicht bezahlt. Ein normaler Polizist oder Soldat ist der letzte in der Nahrungskette. Er kriegt nichts. Aber auch er muss leben. Und so dreht er das Rad weiter: er bedient sich dort, wo er angebunden ist.

Es werden auch keine Investitionen gemacht. Keine neuen Straßen, keine Infrastruktur, keine wirtschaftlichen Planungen für irgendeine Zeit danach. Selbst die manchmal aufflackernden gewalttätigen Auseinandersetzungen dienen eher zur Ablenkung, als dass sie wirkliche einer Strategie unterliegen. Na ja, zwischenzeitlich auch mal ein bisschen plündern und brandschatzen, und vergewaltigen und Leute vertreiben; aber da springt pünktlich – sobald die Schlagzeilen stimmen – die internationale Gemeinschaft ein und versorgt, z.B. im Norden Ugandas, über das Büro des dortigen Ministerpräsidenten die sich neu bildenden Flüchtlingslager. De facto exportiert der Südsudan bereits die Korruption.

Aber es gibt auch ehrliche Gauner. Neulich habe ich einen kennengelernt. Nach meiner Ankunft muss ich mich beim Einwohnermeldemann in Turalei melden. Sein Büro ist die Blechhütte des Polizeipostens, eine Straße vor dem Markt. Wir sind hingefahren, begrüßten alle Leute dort, aber er war nicht da. Morgen um 10. Nicht da, am Nachmittag nicht, und nicht am nächsten und übernächsten Tag. Mehrmals war er gerade da gewesen oder er würde gleich kommen. Am Freitag soll er in der Pfarrei gesehen worden sein, aber der Wachmann hat wohl sein Anliegen nicht verstanden (Ein schlechter Wachmann ist eine Berufsbezeichnung für jemanden, der ganz viele Ausreden kennt; ein guter kennt auch die Auswege, sozusagen mitten im Thema). Der spezielle Aufkleber wurde mir für 50 und auch schon für 30 Dollar angeboten, ohne Quittung natürlich, aber ich habe keine Eile.

Aber jetzt ist er da, am Samstagnachmittag. Ca. 1,95 groß, 65 kg, korrekt gekleidet. Es werden ein Tisch und zwei Stühle geholt und vor den Bouganvillastrauch der Pfarrei gestellt. Pass und Visum. Wird genauestens durchgelesen. Wo denn die Empfangsbescheinigung für die Zahlung der Gebühren aus Juba wäre. Gibt es nicht, ist in Berlin ausgestellt. Aber ich brauche ihn. Gibt es trotzdem nicht. Freundlich bleiben, lächeln, keinen Millimeter nachgeben. Habe ich gelernt. Also nächster Schritt. Ein kleiner Aufkleber wird ausgefüllt, bitte blauen Kugelschreiber besorgen. Namen und Vornamen, Geburt, Nationalität, Ankunft. Schwierig das Aufschreiben. Ablaufzeit: 6 Monate ab heute. Nach 10 Minuten ihn überzeugt, dass das Juni ist und nicht Mai. Nicht schlimm. Weiter. Sticker wird schräg neben das Visum eingeklebt, gerade kann jeder. Er zückt ein Quittungsheft des Ministeriums für Finanzen und wirtschaftliche Planung. Von vorne nach hinten durchnummeriert. Nr. 1617927 ist meiner. 1800 südsudanesische Pfund, entspricht 10 US. Unterschrieben. Danke für Pass und Quittung.

„And what about my tea?" Ich habe ihm ein paar Hundert südsudanesische Pfund gegeben, reicht für 2 Colas oder Tee mit irgendwas dazu (vielleicht Zucker). Bedankte sich höflich und zuvorkommend. Gestern habe ich ihn noch einmal am Krankenhaus vorbeiflitzen sehen, freundlich gegrüßt. Wir sind Freunde fürs Leben geworden.

Dr. Alfred Klassen
Turalei, Südsudan

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