Im Foto, das 1969, beim „50jährigen“ des Kirchenchores entstand, sind markiert: Pastor Alberts, Grete (links) und ihre Schwester.

Grete lernte im Augusta
und singt 80 Jahre im Chor

Die Frau ist gut drauf. Landläufig gesagt: so fit wie ein Turnschuh. Der Verstand arbeitet messerscharf, die Ohren hören jeden falschen Ton und ihre Augen erkennen präzise die winzig kleinen Punkte auf den Notenblättern, die der 45-köpfige Projektchor der evangelischen Kirchengemeinde Langendreer beim bevorstehenden Konzert benutzt. Außerdem feiert sie nun ein Jubiläum, das ganz sicher nicht viele Menschen in ihrem Leben feiern können. Die Langendreererin Margarete Erdmann singt seit 80 Jahren (in Worten achzig!!) im Chor der Gemeinde.

„Als ich 1937 geboren wurde“, lacht Gerhard Nötzel, topfitte, selbst gerade 80 Jahre alt gewordene gute Seele der Christuskirche, „trat Grete nach ihrer Konfirmation, gerade 15jährig, in den Kirchenchor ein.“ Gretes Bruder Karl und ihre Schwester Anni waren schon dabei. Seitdem singt auch sie mit – und wird dann im kommenden Jahr bei hoffentlich bester Gesundheit ihren 96. Geburtstag feiern.

„Damals mussten die Kandidaten rausgehen“, erinnert sie sich, „und dann wurde abgestimmt, ob du mitsingen durftest.“ Ihr Klavierlehrer war gleichzeitig Chorleiter und hatte ihr den Weg geebnet. Denn sie kam aus einer musikalischen Familie. Vater Johannes spielte Zither, Mutter Anna sang wie Bruder Thomas, der aber außerdem noch Geige spielte.

Kriegsbedingt lag das Gemeindehaus in Trümmern. Deshalb trafen sich die Chormitglieder z.B. bei Landau oder im Lokal von Martha Hohenhoff an der Ecke Hauptstraße/Stockumer Straße. „Es waren schlimme Zeiten, aber es kamen immer ein paar Leute zu den Proben.“ Einige sangen gar in zwei Chören. Der MGV „Arion“ war 1859 gegründet worden und unterstützte jahrzehntelang auch die Gottesdienste in der Christuskirche. Erst 1919 gründete Pastor Lichtenthäler einen eigenen Kirchenchor.

Auch Margarete Erdmann sang „doppelt“: Sie hatte von 1939 bis 1941 in der Augusta-Kranken-Anstalt den Beruf der Köchin gelernt und dann zehn Jahre auf Zeche Lothringen gekocht, bis sie ihren Heinz heiratete, der schließlich im Schatten des Amtshauses Langendreer eine Metzgerei eröffnete. Die Fleischerinnung hatte einen eigenen, gemischten Chor, der Grete viel Spaß machte. „Wir haben bei so vielen Festen gesungen“, erinnert sie sich. Und wenn die Stimmung gut war, dann spielte sie mit ihrem Mann zur Freude der anderen die „Petersburger Schlittenfahrt“.

Die Musik liebt sie noch immer. Und es ist nicht nur der Kirchenchor. Einmal pro Woche ist Freundin Margret Göbels aus Schwerte zu Besuch. Die 91jährige kommt mit dem Auto nach Langendreer. „Wir sitzen dann am Klavier und singen Volkslieder.“ Weil sie so oft übe, sagen die Mitsänger, „ist ihre Stimme immer noch so gut.“

Beim Weihnachtskonzert des Projektchores, am 16. Dezember, um 18 Uhr, in der Christuskirche wird Grete Erdmanns Sopran wieder sehr gut zu hören sein. Das war 1937 allerdings nicht so. „Meine Schwester hatte mich zwar in den Chor gebracht“, muss sie heute noch lachen, „aber sie verbot mir – keiner weiß warum - beim ersten Konzert mitzusingen.“ Der Chorleiter hatte das natürlich bemerkt. „Beim nächsten Mal will ich aber deine Stimme hören“, befahl er regelrecht. Daran hat sich Grete gehalten. Bis heute.

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