"Die Hühner sind bereits gefüttert"

Die Menschen werden älter, und gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit, an einer Demenz zu erkranken. Zum Abschluss der Bochumer Alzheimer-Tage kamen auf Einladung des Forums Bochumer Heimleiter mehr als 200 interessierte Laien aber auch Fachbesucher in den Saal des Gewerkschaftshauses an der Humboldtstraße, um eine Info-Veranstaltung zum Thema „Das tägliche Erleben von Stress als Demenzkranker“ zu hören und zu sehen.

„Es ging um tiefe Einblicke in die Welt demenzkranker Menschen“, wie Norbert Bongartz vom Augusta-Seniorenheim Am Kesterkamp in Bochum-Linden erzählt. Die Pflege und Betreuung Demenzkranker im mittelschweren Stadium, sagt er, sei eine der zentralen Aufgaben der Pflegeeinrichtungen. Um das Thema humorvoll zu vermitteln, brachten Akteure des Schlosstheaters Moers zu Beginn das schräg-humorvolle Theaterstück „Vergissmeinnicht“  auf die Bühne. Im Anschluss gab es eine äußerst angeregte, den zeitlichen Rahmen durchaus sprengende Diskussion mit Schauspielern und Experten.

Der Vortrag von Dr. Sven Lind aus Haan zum Thema des Tages begann verspätet vor etwas gelichteten Reihen. Immerhin 150 Zuhörer wollten sich den Psychologen allerdings nicht entgehen lassen, der mit seiner suggestiven Stimme auch als Hörbuch- oder Hörspielsprecher Karriere machen könnte: Er flüstert, er schmeichelt, er mahnt und spielt mit seiner Stimme, dass schon allein die Lautmalerei die Zuhörer gleichermaßen fesselt und amüsiert.

Der Fachmann aus Haan, der als gerontologischer Berater arbeitet, sprach z.B.  über beeinflussbare oder starre „Zeitverschränkung“. „Wenn alte Menschen meinen, sie müssten jetzt die Hühner noch füttern“, so Lind, müsse man ihnen das Gefühl vermitteln, dass dies schon erledigt sei. „Im mittleren Demenzstadium ist die Beeinflussbarkeit erhöht, aber auch die Sensibilität für Gefühle.“

Als Beispiel für „starre Zeitverschränkung“ erzählte Lind von der Frau, die unbedingt die Zeitung noch austragen wollte und durch nichts davon abzubringen war. „Sie war jahrzehntelang Zeitungsbotin“, erklärt er lächelnd, „und dieser Stress ist nur zu beseitigen, indem man wirklich Zeitungen besorgt und beim Austragen hilft.“

Planung, Vorbereitung und Durchführung von Handlungen im Tagesablauf sind im mittleren Stadium der Demenz kaum mehr möglich. Dazu gehört auch, dass sich die Betroffenen kaum mehr selbst waschen und anziehen können. Und in diesen Bereich fällt auch das Zähneputzen. Wohlbefinden könne den Betroffenen nur durch Sicherheit, Geborgenheit und Zuwendung vermittelt werden. Gedächtnis und Aufmerksamkeit lassen aber stark nach. Da werde viel Geduld erwartet.

Alles Neue ist für die alten Menschen Stress. Neues erzeugt Furcht, verstärkt durch den Verlust des Kurzzeitgedächtnisses. Vermeiden müsse man auch die Überforderung durch Tempo. „Tempo ist gut bei Michael Schuhmacher“, sagt Lind, „aber nicht für die alten Menschen.“