Prof. Nakhosteen (Mitte) mit seinem Nachfolger Prof. Ewig (re.)

Nachruf für John Alexander Nakhosteen (1937 – 2012)
von Prof.Dr. Santiago Ewig

Der „Nakhosteen“ lag bei uns in der Endoskopie der Medizinischen Klinik im Pausenraum. Ein schmales kleines Bändchen aus dem Thieme Verlag, betitelt „Flexible Bronchoskopie“. Ich nahm es einmal mit nach Hause, zum Nachlesen und Lernen. Durch diesen band motiviert und auf der Suche nach einem Atlas, stieß ich in der Bibliothek der Klinik auf den „Ikeda“, den Nestor der flexiblen Bronchoskopie – und wusste noch nicht, dass ich damit zwei entscheidende Autoren kennengelernt hatte, die mich durch ihre Werke damals bestärkten, meinen Weg in der Pneumologie zu suchen. Später, als ich Oberarzt war, leistete ich mir die zweite Auflage des „Nakhosteen“, deutlich erweitert, diesmal im Springer Verlag. Ich lieh das Buch mit unguten Gefühlen unserem leitenden Oberarzt, der auf dem Sprung zum Chef „noch etwas Bronchoskopie lernen“ wollte; ich sah das Buch nie wieder. Als ich dann in der Augusta-Kranken-Anstalt in Bochum selbst zum Chef gewählt wurde, schenkte mir Professor Nakhosteen die dritte Auflage, mittlerweile ein gewichtiges Werk, „Atlas und Lehrbuch der Bronchoskopie und Thorakoskopie.“

Ich wurde sein Nachfolger in Bochum. Ich konnte seine Klinik in einem sehr guten und geordneten Zustand übernehmen. Denn Nakhosteen, obwohl in beeinträchtigter Gesundheit, hatte ein hervorragendes Team um sich versammelt und eine überzeugende Klinikstruktur geschaffen. Er war vom ersten Augenblick an beeindruckend souverän in der Übergabe der Klinik, ohne Sentimentalitäten oder Halbheiten, eine ausgesprochen faire Persönlichkeit, mit einem bestechenden Pragmatismus und feinen Sinn für Humor. Er übergab mir einen großen Stamm an chronisch kranken Patienten, die sich ihm über lange Zeit anvertraut und einen guten Anwalt in ihm gefunden hatten.

John Alexander Nakhosteen wurde geboren am 3.3.1937 in Isfahan / Iran geboren. Sein Vater, Dr. theol. A. Nakhosteen, war Missionar der Anglikanischen Kirche.  Seine Schulzeit verbrachte er in England und den USA. 1956 nahm er die US-amerikanische Staatsangehörigkeit an. Er erwarb zunächst von 1955 bis 1959 den „Bachelor of Arts“ mit Hauptfach Politische Wissenschaften und wurde mit dem „Gould-Preis für kulturelle Leistungen“ ausgezeichnet. Anschließend studierte er an der Columbia Universität New York Jura und Internationales Recht, bevor er sich entschloss, das Studium der Humanmedizin aufzunehmen. Die Stationen dieses Studiums waren von 1964 bis 1970 Freiburg, London und Köln. Er heiratete 1968 und wurde in der Folge Vater dreier Kinder. Die Promotion erfolgte 1977. Im Jahre  1978 trat er in die Ruhrlandklinik Essen ein und wurde 1980 „Oberarzt für Bronchologie“. Nakhosteen wurde 1979 Arzt für Innere Medizin, 1981 „Arzt für Lungen- und Brocnhialheilkunde“ und erwarb 1982 die Zusatzbezeichnung Allergologie. Schließlich habilitierte er sich 1982 an der Universitätsklinik Essen. Während seines Wirkens in der Ruhrlandklinik Essen trug er mit dazu bei, die flexible Bronchoskopie in die Praxis der Pneumologie einzuführen.

Im Jahre 1983 wurde Nakhosteen Chefarzt der Pneumologischen Klinik der Augusta-Kranken-Anstalt Bochum, damals entsprechend dem Feststellungsbescheid noch „Klinik für Lungen- und Bronchialheilkunde, später „Klinik für Pneumologie und respiratorische Allergologie“ genannt. Er war dort langjähriger Ärztlicher Direktor und blieb es bis zu seinem Ausscheiden im Jahre 2002.

Die Bronchoskopie hat Nakhosteen begeistert und inspiriert. Er hat in der Bronchoskopie eine Qualität abgebildet, die damals nur wenige erreicht haben. Jede Neuerung wurde von ihm aufgegriffen, evaluiert und weiterentwickelt. Die flexible bronchoskopische Endosonographie sowie Nadelpunktionstechniken für Tumore und Lymphknoten waren in seiner Klinik bereits etabliert, als davon in der Pneumologie noch keiner sprach. Noch heute praktizieren nur wenige die Technik der Mini-Sonde, die die Punktion auch kleiner peripherer Herde möglich macht.

Seinen wissenschaftlichen Schwerpunkt fand er auf dem Gebiet der Lungenkarzinome. Mit der Autofluoreszenz-Bronchoskopie eröffnete sich ihm ein faszinierendes Forschungsgebiet in der Früherkennung der Lungenkarzinome. Risikopatienten (also Raucher), die eine auffällige Sputumzytologie aufwiesen,  wurden einer bronchoskopischen Autofluoreszenz-Untersuchung zugeführt, ggf. wiederholt in definierten Abständen. Auch wenn diese Methode die in sie gelegten Hoffnungen nicht erfüllen konnte, hat sie doch das Auge der Untersucher für Veränderungen der bronchialen Mukosa deutlich geschärft und somit das diagnostische Potenzial der Bronchoskopie erweitert. Sein Engagement in der Lehre war außergewöhnlich; überregional bekannt und begehrt waren seine Kurse der Bronchologie im Rahmen der „Medica“.

Seine tiefsten Motive für die Beschäftigung mit der Früherkennung wurden im Spiegel vom 26.1.1998 so charakterisiert: „Weil ihm das hoffnungslose Dahinsiechen seiner Patienten „geradezu unerträglich“ wurde.“ Tatsächlich war er von einer großen Ungeduld und geradezu Feindschaft gegenüber der Tumorerkrankung erfüllt – durchaus ein problematisches Verhältnis eines Arztes gegenüber einer todbringenden Krankheit. Dieses drückte sich auch in einer heftigen Intoleranz gegenüber fortgesetztem Rauchen, der Ursache all dieses Übels, aus, die er nur zurückstellte, wenn es sich um Patienten im Finalstadium handelte. Aber sein Wille, mit seinen Möglichkeiten zur Gesundheit und Heilung beizutragen, war ehrlich und unbeugsam.

John Nakhosteen hat Reden und Kongresse nicht besonders geschätzt, und so mied er entsprechende Aktivitäten. Das heißt nicht, dass er nicht mit großem Engagement Entwicklungen seines Fachs verfolgt und in seiner Praxis umgesetzt hat. Wirken konnte er offensichtlich auch ohne viele Auftritte, denn auch so war und ist der Name „Nakhosteen“ jedem in der pneumologischen Gemeinschaft ein fester Begriff, verbunden mit fachlicher Qualität und Einsatz für seine Patienten.

Seine Verdienste für die Augusta-Kranken-Anstalt Bochum sind beeindruckend. Er schuf die Voraussetzung dafür, dass die Pneumologie auch in Zeiten ansonsten miserabler Repräsentation in deutschen Krankenhäusern ein tragender Teil der Krankenversorgung dort wurde und seine ehemalige Klinik jetzt als ein Kernstück des „Thoraxzentrums Ruhrgebiet“ weiterentwickelt werden konnte. Seine Mannschaft hat ihn zweifellos verehrt und ist von ihm nachhaltig geprägt worden. Zuletzt konnte er noch an der 4.Auflage des „Atlas und Lehrbuchs der Brocnhoskopie und Thorakoskopie“, welches den aktuellen Stand der endoskopischen Diagnostik und Therapie sowie die Standards des Thoraxzentrums abbildet, federführend mitarbeiten und dem Werk seine Prägung geben.

John Nakhosteen ist am 16.11.2012 nach langer Krankheit in Bochum verstorben. Unser Mitgefühl gilt seiner Familie und seinen Freunden. Die Pneumologie verliert mit ihm einen ihrer bedeutenden Vertreter und Wegweiser.