„Ich wäre beinahe verblutet.“

Die tödlichen Schüsse fielen kurz nach 16 Uhr. Am 5. März 2012, einem Montag, erschoss in Weilerbach ein krebskranker, verwirrter Rentner zwei Ärzte, verletzte einen Polizisten durch einen Streifschuss und richtete sich selbst. Als Prof. Dr. Karl Bremer von der Tragödie erfuhr, wurden sofort die bitteren Erinnerungen wach. Fast auf den Tag genau vor 13 Jahren war er das Opfer eines ähnlichen Attentats gewesen. Vor der Augusta-Kranken-Anstalt in Bochum, deren Chefarzt der Spezialist für Hämatologie und Onkologie damals war. Bremer: „Es ist hart und traurig, wenn jemand ausrastet und unschuldige Personen opfert.“

Mitte der 1990er-Jahre fasste ein Schmied aus Schwelm den Entschluss, Ärzte leiden zu lassen. Denn auch seine Frau hatte gelitten, bevor sie starb, und der Mann steigerte sich in die irrige Überzeugung, dies sei die Schuld der Ärzte. Er stellte eine Liste zusammen. Ganz oben der Name eines Notarztes. Darunter der Prof. Bremers. „Die Frau war mit Lungenkrebs zu uns überwiesen worden. Wir führten eine Chemotherapie durch, die sie gut vertrug, und entließen sie nach einer Woche“, erinnert sich der 71-Jährige. Zurück in Schwelm, erleidet sie Wochen später einen Krampfanfall, verursacht durch eine bis dahin nicht erkannte Hirnmetastase. Der Ehemann ruft den Notarzt, der eine genaue Beobachtung empfiehlt. Wenig später wird sie ins Schwelmer Krankenhaus eingewiesen, wo sie Monate später, wohl unter starken Schmerzen leidend, stirbt.

„Der Mann war ein Trunkenbold, der viel Leid über seine Familie gebracht, die Kinder aus dem Haus getrieben hat“, erinnert sich Karl Bremer. „Nur seine Frau hatte noch zu ihm gehalten, und nun war er sehr einsam.“ Und verstieg sich in seinen Racheplan. Erst terrorisierte er den Notarzt, der nach Norddeutschland und dann weiter verzog, bis sich seine Spuren verwischten. Dann spionierte der Schmied den Bochumer Chefarzt aus. Dann, am 3. März 1999 gegen 20 Uhr, saß er in einem Leihwagen neben Bremers BMW. Er ließ den Arzt auf einen Meter herankommen und zielte mit seiner 9 Millimeter durchs offene Seitenfenster auf den Rücken des Mannes, der gerade seinen Wagen aufschließen wollte.

„Ein Mordsknall, Blitz, Donner – ich gucke, ob etwas mit dem Auto ist, dann wieder: Knall, Blitz, Donner!“ Karl Bremer, stark blutend, merkte sich das Kennzeichen des davonfahrenden Corsa. „Eine Kugel blieb im Beckenknochen stecken, dort ist sie immer noch. Die andere Kugel durchschlug Becken und Bauch. Ich wäre beinahe verblutet.“ Der Täter wurde schnell gefasst. „Vor Gericht bedauerte er seine Tat aufrichtig. Das war wichtig für mich, denn ich suchte auch Schuld bei mir: Hatte ich meine Patienten so gut wie möglich behandelt? Aber diese Selbstzweifel waren vorbei, als sich der Mann entschuldigte.“

Das linke Becken blieb taub, ebenso das halbe Bein. Diese Einschränkungen zwangen Prof. Bremer 2003 vorzeitig in den Ruhestand. Gleichwohl ist er noch für den im Augusta-Krankenhaus angesiedelten Förderverein für Krebserkrankte aktiv, den er 1984 gegründet hat. Der Attentäter wurde zu einer Haftstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt. Gebrochen und reumütig, erschoss er sich am Grab seiner Frau. Er hatte die Tatwaffe nicht, wie er der Polizei gesagt hatte, in die Ruhr geworfen.