Ausgezeichnete Selbsthilfefreundlichkeit

„Von Selbsthilfegruppen habe ich früher nicht viel gehalten“, erinnert sich Prof. Dr. Dirk Behringer lächelnd. Freimütig gibt er zu, dass dies damals eine sehr große Fehleinschätzung war. „Ich weiß heute sehr genau, dass diese Gruppen ungemein wichtige Arbeit leisten, die nicht nur unseren Patienten, sondern auch uns hilft.“ Behringer ist Chefarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin an der Augusta Klinik. Und er hat höchst engagiert daran mitgewirkt, dass die Augusta Kliniken nun als erstes „selbsthilfefreundliches Krankenhaus“ in Bochum ausgezeichnet wurden.

Am Montag übergab Christa Steinhoff-Kemper von der Agentur Selbsthilfefreundlichkeit West für das Projekt „Selbsthilfefreundliches Gesundheitswesen NRW“ die Urkunde an Annegret Hintz-Düppe, die Selbsthilfebeauftragte der Augusta Kliniken. „Über zwei Jahre lang habe ich mit neun Gruppen daran gearbeitet“, sagt sie, „unsere zuvor schon gute Zusammenarbeit auf noch bessere Füße zu stellen.“ Der Lohn der Arbeit ist eine große Urkunde. Wichtiger aber ist der Stolz auf das Erreichte.

Ziel der Zusammenarbeit ist, den Menschen schon im Krankenhaus die Selbsthilfegruppen nahe zu bringen. Vor allem bei chronischen Erkrankungen gebe es viele Fragen, die Betroffene aus ihrer eigenen Erfahrung sehr gut beantworten können. „Wir sind dankbar für das, was Selbsthilfegruppen mit uns aufarbeiten können“, stellt auch Prof. Dr. Dirk Bokemeyer fest. Der Chefarzt der Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen arbeitet seit Jahren sehr eng mit diesen engagierten Laien zusammen. „Das sind höchst kompetente und sehr wertvolle Partner, weil sie enorm viel über ihre eigene Erkrankung wissen.“

Was 2005 bis 2007 in Hamburg als Modellprojekt - gefördert von der BKK vor Ort - gestartet wurde, findet inzwischen auch in Krankenhäusern anderer Bundesländer Anklang. Zwar hilft überall der Sozialdienst der Krankenhäuser den Menschen zurück in den Alltag, aber z.B. nach einer Krebsdiagnose, so Dorothée Köllner, Leiterin der Selbsthilfe Kontaktstelle Bochum, „ergeben sich Veränderungen, die erst einmal bewältigt werden müssen.“ Es stellen sich viele neue Fragen. „Kann ich überhaupt noch in den Urlaub fahren?“ „Was bedeutet meine Diagnose für den Partner?“

Weil die Betroffenen auf den unterschiedlichsten Wegen und oft auch erst nach vielen Monaten auf das Angebot der „Experten in eigener Sache“ in den Selbsthilfegruppen zurückgreifen, sei es so wichtig, dass es zentrale Ansprechpartner gebe und dass die Kooperation formal beschlossen und dokumentiert sei. Die Gruppen sind mit Info-Tafeln im Augusta präsent, und alle Mitarbeiter sind informiert und können Patienten an die passende Gruppe verweisen, wo sie auch direkt Hilfe finden.

Nach den ersten zwei Jahren engster Zusammenarbeit mit den Gruppen bilanziert Annegret Hintz-Düppe, dass „wir gut 80 Prozent der geforderten Qualitätskriterien erfüllt haben.“ Da sei noch etwas Spielraum für Verbesserungen und sehr viel Platz für die Aufnahme weiterer Gruppen in das ambitionierte Programm. „Die Verantwortlichen können ihre Erfahrungen an uns zurückgeben. Und damit haben alle etwas von unserer Zusammenarbeit.“

Über 240 Gruppen sind, so Dorothee Köllner, bei der Selbsthilfe Kontaktstelle Bochum registriert. Die meisten davon sind im weitesten Sinn medizinisch orientiert. Viele der Betroffenen haben sich im Laufe ihrer Erkrankung zu echten Experten fortgebildet. Es sei äußerst sinnvoll auf diesen Erfahrungsschatz zuzugreifen, sagt Hintz-Düppe. Manche Patienten müssen aber erst ihr Trauma verarbeiten, bevor sie auf eine Selbsthilfegruppe zugehen können und wollen.

Im Bild mit Urkunde(v. li.) Dorothée Köllner, Annegret Hintz-Düppe, Prof. Dr. Dirk Behringer, Prof. Dr. Dirk Bokemeyer und Christa Steinhoff-Kemper