Würde und Hilfe am Ende des Lebens

„Wenn nichts mehr zu machen ist, ist immer noch viel zu tun.“ Dieses Zitat von André Heller könnte man als Leitmotiv des Bochumer Palliativnetzes verstehen, das die Betreuung am Ende des Lebens noch weiter ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken möchte. Dafür hat man eine Wanderausstellung konzipiert, die von Bürgermeisterin Gabi Schäfer am Mittwoch im Gesundheitszentrum Bochum an der Bergstraße 27 eröffnet wurde und damit nun erstmals öffentlich zu sehen ist.

„Das ist ein Thema, dem ich mich nahe fühle“, sagte Schäfer, die in der Ausstellung lernte, dass zwar 1929 noch 80 Prozent der Menschen zu Hause starben. Im Kreise ihrer Lieben. Dass aber 2005 dieser Anteil nur noch bei 30 % lag. „Dass das Lebensende überhaupt in die Diskussion gekommen ist“, so Dr. med. Bettina Claßen vom Vorstand des Palliativnetzes, „liegt an den Rettungsdiensten, die seit den 50er Jahren dafür gesorgt haben, dass schwer kranke Menschen schnell ins Krankenhaus kamen.“ Damit blendete man das Sterben einfach aus dem Leben aus.

Augusta-Geschäftsführer Ulrich Froese, Hausherr des Gesundheitszentrums erinnerte sich an vier Worte, die ihm vor vielen Jahren einmal zugetragen worden waren. „Ich sterbe“, hatte ein Patient gesagt und noch nachgefragt: „Störe ich?“ Die Palliativmedizin sorge nun endlich dafür, dass das Sterben und der Tod wieder in die Mitte des Lebens finden. Eine umfassende, professionelle Betreuung von Schwerstkranken ermöglicht es, dass die Menschen zu Hause schmerz- und angstfrei Abschied nehmen dürfen.

Die Ausstellung präsentiert Fakten, stellt das Leben und den Tod neben-, nicht gegeneinander, und zeigt eine Reihe von Menschen, die für die Palliativversorgung leben und arbeiten. „Wenn es sie nicht schon gäbe“, lobte Schäfer, „müsste man sie erfinden.“

Die Bürgermeisterin zollte den Ärzten, Pflegediensten, Hospizdiensten, der Fachapotheke und  vielen stationären Einrichtungen, die sich zum Palliativnetz Bochum zusammengeschlossen haben, Anerkennung und Respekt für ihre Arbeit. Schäfer ermutigte sie alle, an diesem Netzwerk „intensiv weiter zu häkeln“, damit möglichst niemand durch das Netz falle. Aktuell werden jährlich ca. 800 sterbende Patienten vom Palliativnetz betreut. Das sei aber sicher nur die Spitze des Eisberges. „Der Bedarf ist viel höher.“

Dr. Claßen machte deshalb aus den Anliegen des Palliativnetzes auch kein Geheimnis. „Zum einen wollen wir noch bekannter werden“, sagte sie, „aber die ganze Arbeit kostet auch viel Geld.“ Es gehe auch darum, den Spendenfluss anzuregen, der u.a. wegen der Katastrophe in Fuskushima aktuell beinahe versiege. „Und wir haben immer noch mehr Ideen“, fügte sie an, „für die wir dann aber noch mehr Geld benötigen.“

Die Menschen in Japan hatten nicht die Wahl, ob und wie sie sterben wollten. In der Wanderausstellung aber kann man solche Wünsche niederschreiben und an eine der Wände hängen. Auch Gabi Schäfer formulierte ein paar Sätze. Sie wolle nicht allein sterben, schrieb sie, aber „mit der Gelassenheit meines Lebens – und noch nicht so bald.“

Spendenkonten Palliativnetz Bochum e.V.:
National Bank, BLZ 360 200 30, Konto-Nr. 642 66 62
Sparkasse Bochum, BLZ 430 500 0, Konto-Nr. 204 16 111