Anne Siebel präsentiert "ihre" Seniorenkünstler.

Experiment geglückt: „Seniorenkünstler“ stellen aus

„Das hätte meine Frau nicht gedacht, dass ich im Alter noch Künstler werde.“ Diesen Satz schnappte Kunsttherapeutin Anne Siebel im Augusta-Seniorenheim Am Kesterkamp in Bochum-Linden auf, wo sie seit einem Jahr mit demenziell erkrankten Menschen arbeitet. Dieses Experiment hat jetzt ein Etappenziel erreicht: Am Mittwoch gab es eine feierliche Vernissage. 70 der Senioren-Arbeiten kann man nun täglich von 8 bis 17 Uhr bewundern.

Über 300 Bilder und Objekte sind in den letzten 52 Wochen entstanden und die Techniken sind so vielfältig wie die „Künstler“ selbst. „Ich kann doch gar nicht malen“, hatte es zunächst nicht nur bei Frau Koch und Herrn Bartosewitsch geheißen. Das große, weiße Blatt auf dem Tisch flößte allen ein bisschen Respekt ein. Denn es waren demente Patienten, die da erstmals zu Pinsel, Stift und Farbe griffen.

Anne Siebel bevorzugt deshalb einfache, aber „erwachsene“ Techniken, die sich von dem abgrenzen, was die Urenkel der Teilnehmer im Kindergarten machen. Und die Therapeutin mag den Begriff ‚dement‘ nicht. „Ich bevorzuge das Wort Seniorenkünstler.“ Sie mag es auch nicht, wenn immer nur von den Defiziten die Rede sei. „Wir müssen uns über das definieren, was wir können.“ Und die alten Menschen seien oft selbst erstaunt: „Ich kann ja doch malen.“

Anregungen für ihre kreative Arbeit und die ihrer Patienten findet Anne Siebel überall und setzt sie, unterstützt von Pflegekraft Mechthild Klünnen, mit den Senioren um. „Auch freies Malen nach eigenen Ideen funktioniert“, sagt Siebel. Manchmal gebe sie Linien oder Strukturen vor, die dann von den Senioren weitergeführt werden. „Manchmal ist es aber auch nur ein Ausmalen.“

Herr Schulz war immer sehr schnell mit seinen Bildern fertig. Den Einwand, er könne sich doch mehr Zeit lassen, ließ er nicht gelten: „Im Akkord bekommt man mehr Geld.“ Beim Thema „Farbe der Liebe“ wurden rote Herzen gemalt. Der Techniker fragte gleich: „Wo sitzt denn die Herzklappe und wo die Schlagader?“

„Meine Katze saß immer auf dem Tisch“, erinnert sich Frau Scheffer. Rund um ein vorhandenes Katzenbild zeichnete Frau Scheffer dann den Tisch. Formen aufnehmen und fortführen, das gelingt gut. Und Tierbilder kommen sowieso gut an. „Für die Tulpenbilder haben wir nur die Hand auf das Papier gelegt und die Umrisse gemalt“, lacht Siebel. „Da haben die Tulpen eben manchmal Fingernägel.“ Aber es wurde auch sehr anspruchsvoll gearbeitet: Fächer und Masken sind entstanden, Batik und Töpfertechniken zur Anwendung gekommen.

Kunst und Demenz – dieses Experiment hatten alle Beteiligten mit viel Interesse beobachtet. Annegret Hintz-Düppe von der Augusta Pflegedienstleitung hatte es angestoßen und konnte bei und mit der Vernissage allen vor Augen führen, dass es gelungen ist. Geschäftsführer Ulrich Froese, selbst ein bekennender Kunstfreund und Sammler, signalisierte bei der Eröffnung, die von Esther Müller und Daniel Käser musikalisch begleitet wurde, dass man diesen Erfolgsweg weitergehen werde.

Zusatz-Info:

In ihrer Begrüßung zitierte Annegret Hintz-Düppe das Internetportal „kunstteraphie.de“. Kunsttherapie, so stand es dort, „fördert die Fähigkeit des Menschen, seine Umwelt unmittelbar über die Sinne wahrzunehmen und zu begreifen. … Auf der Basis einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung werden innere Prozesse durch Materialien und Medien der Bildenden Kunst sichtbar gemacht, Farb- und Formqualitäten mit eigenem Erleben und persönlichen Lebensmotiven verbunden.“

Das sagt die Kunsttherapeutin über "ihre" Seniorenkünstler:
Frau Bertram : Malerin der ersten Stunde ist immer etwas vorsichtig, immer etwas skeptisch und dann überrascht sie mit leuchtenden Farben und Perfektion.

Frau Schulte: Die jüngste dazugekommene Malerin, nimmt den Pinsel und legt los.

Christel Krause: Unsere Künstlerin sprüht vor Ideen und nutzt gerne die Gelegenheit zu einem netten Schnack.

Frau Koch: Sie ist immer froh und hat eine positive Ausstrahlung. Trotz der massive Einschränkung durch einen Schlaganfall malt sie angestrengt mit grosser Ausdauer.

Herr Bartosewitsch: Jedes Bild eine Geschichte. Eine Erinnerung, eine Fantasiewelt, voller Erlebnisse und Lebendigkeit.

Herr Wader: Was so‘n Dachdecker alles kann. Handwerklich macht ihm niemand was vor.

Frau Rings: Die Malerin, die der Rhythmus des Malens zur Ruhe finden lässt.

Frau Sickel: Unsere künstlerische Rebellin verteidigt ihre Ideen und Vorstellungen gegen übermäßige Hilfsbereitschaft.

Inge Krause: Eine Skeptikerin, die sich selbst nicht glaubt und sich selbst auch gar nicht ernst nimmt und oft über sich lacht.

Frau Hölte: Nur ihre Schwestern können malen. Wunderschön. Da frage ich mich, wer all diese Bilder und Objekte zustande brachte.

Frau Schwarz: Ich habe noch nie gemalt! Eine Künstlerin mit toller Farbempfindung und guter Flächeneinteilung. Wenn während der Arbeit das Bild gelobt wird, kommt: Hab ich doch nicht gemalt.

Frau Scheffer: Nur das Malen lockt sie aus ihrer Höhle. Diese Aktivität liebt sie. Malen, Erzählen, Geselligkeit.