Update Ernährung – Eine Praxisfortbildung im Adipositas Zentrum NRW

Über 60 Zuhörer kamen zur Fortbildungsveranstaltung „Update Ernährung: Mangel- und Überernährung“ in das Adipositas Zentrum NRW nach Bochum-Linden.

Den Interessierten wurden die unterschiedlichen Facetten zum Thema Ernährung vorgetragen, um die Arbeit mit essgestörten Patienten im Praxisalltag zu erleichtern.

Dabei ging Prof. Dr. Matthias Kemen, Chefarzt der Abteilung Allgemein- und Viszeralchirurgie im Ev. Krankenhaus Herne besonders auf die adipösen (übergewichtigen) Patienten ein. Er erläuterte, dass je nach Höhe des Bodymassindex (BMI) unterschiedliche operative Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Ab einem BMI von 35 kann zum Beispiel durch Magenballon, -band, -bypass oder Schlauchmagen operativ (metabolische Chirurgie) auf den Stoffwechsel des Patienten Einfluss genommen werden. Weiter erklärte er die jeweiligen Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Operationen immer in Abhängigkeit von der Höhe des BMI und kam zum dem Schluss, dass langfristig gesehen die besten Ergebnisse mit dem Magenbypass erreicht würden.

Im Gegensatz dazu referierte Dr. Olaf Hagen, Chefarzt der Medizinisch-Geriatrischen Klinik in der Augusta-Kranken-Anstalt Bochum, zum Thema Fehl- und Mangelernährung im Alter. Dazu zählen im klinischen Alltag inzwischen Patienten ab einem BMI von unter 20.
Ursachen hierfür sind unter anderem der zunehmende Muskelabbau und die damit einhergehenden funktionellen Einschränkungen bei älteren Menschen (Sarkopenie), Auszehrung des Organismus mit extremer Abmagerung, Kräfteverfall und zunehmender Störung der Organfunktionen als Begleiterscheinungen von schweren (Tumor-) Erkrankungen (Kachexie). Aber auch soziale, finanzielle oder Schluck- und Zahnprobleme können zur Abmagerung führen. „Daher ist es wichtig“, so Dr. Hagen, „dass bei der Aufnahme von Patienten bei Verdacht auf Mangelernährung ein Screening durchgeführt wird. Hier stehen unterschiedliche Methoden wie Errechnen des BMI, das Messen der Hautfaltendicke, die Labordiagnostik aber auch die Beobachtung von Hautveränderungen sowie die Abfrage von Essgewohnheiten zur Verfügung.“
Um den schweren bis lebensbedrohlichen Auswirkungen entgegenzuwirken, wird durch entsprechende Ernährungstherapie gegengesteuert. Dies geht je nach Schweregrad der Erkrankung bis zur Verabreichung von hochkalorischen Shakes und Sondennahrung.

Anschließend erläuterte Doris Steinkamp, Präsidentin des Verbands der Diätassistenten, inwieweit Ernährung und Ernährungsberatung nach einer bariatrischen Operation noch eine Rolle spielen. Dabei zeigte sie insbesondere die Problematik auf, dass zwischen Notwendigkeit und Angebot ein Lücke klafft und die Krankenkassen es an Unterstützung mangeln lassen. Es sei zwar grundsätzlich vom Gesetzgeber eine ganzheitliche Unterstützung vorgesehen, jedoch muss der Patient für eine langfristige Diättherapie und Ernährungsberatung nach der Entlassung aus dem Krankenhaus um die Kostenübername kämpfen. Dabei ist dies so wichtig, denn wer eine bariatrische Operation hatte, braucht eine lebenslange Veränderung seines Lebensstils.

Im Anschluss zeigte Uwe Machleit, Psychotherapeutischer Leiter des Adipositas-Zentrum NRW, die  Möglichkeiten und Grenzen der Psychotherapie bei Fehl-, Mangel- und Übergewicht auf. Dabei veranschaulichte er zunächst die vielfältigen Ursachen die zu Übergewicht führen, wie genetische Erbanlagen, Computerspiele, Nikotinverzicht, Schlafmangel und –apnoe, Verwendung von Süßstoff und Light-Produkten. Aber auch Fremdeinflüsse wie Werbung, Fertignahrung mit Glutamat und XXL-Packungsgrößen spielen eine Rolle. Dagegen sind Ursachen für Untergewicht unter anderem Depression, Stressfaktoren, Fehlernährung, falsche Vorbilder aus der Werbung sowie generelle Erkrankungen. Hier spielen auch soziales und gesellschaftliches Ansehen, Leistungsdruck und die Familienharmonie eine Rolle.

Insgesamt wurde deutlich, dass die psychologischen Aspekte zur Steuerung der Nahrungsaufnahme vielfältig und komplex sind. „Wir essen in unserer heutigen Gesellschaft nicht, weil wir Hunger haben“, so Machleit, „sondern weil es Zeit ist, weil es gerade passt, weil es gut aussieht oder, oder, oder.“ Die Therapiebausteine in der Praxis sind daher genau so vielfältig: Gesundes Essen muss gelernt werden. Gemeinsame Mahlzeiten in der Familie, Teilen von Nahrung, Bewegung und Sport und Abbau von Stressoren helfen dabei. Es ist festzuhalten, dass Über- und Untergewicht im Kopf beginnt. Durch geeignete Therapien und Beratungen kann der Patient entsprechend unterstützt und geheilt werden.

Abschließend berichtete Machleit noch von der neuen Aktion des Adipostias Zentrum NRW. Am 20.07.11 will man zusammen mit der Hattinger Gastronomie neuen Wege unter dem Konzept: „Front Cooking“ gehen. Mit dem Restaurant „EssZimmer Hattingen“ wird erstmalig unter Berücksichtigung von „Optifast Punkten“ ein Fünf-Gänge-Menü ohne Gewissensbisse zum Genießen angeboten.