Ausbildungsverbund Bochum Hattingen wendet sich gegen den Hausärztemangel

Die Karte zeigt überwiegend rot – und nicht nur Dr. Eckhard Kampe, Bezirksstellenleiter der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), findet das besorgniserregend. In Bochum und Hattingen – das zeigt die Karte - wird es in den kommenden Jahren eine Unterversorgung an Hausärzten geben. Die vielen roten Flecken zeigen überdeutlich: Nicht nur auf dem Land steht ein großer Hausarzt-Mangel bevor.

Die Faktenlage ist besorgniserregend: 2005 gab es im Bereich der Ärztekammer Westfalen-Lippe noch 340 Facharzt-Anerkennungen für die Allgemeinmedizin. In 2010 und 2011 sank diese Zahl auf 94 bzw. 92. Gleichzeitig erreichen in Hattingen aber ein knappes Drittel (von 34), in Bochum rund ein Viertel (von 207) der Hausärzte ein Alter, in dem viele sich normalerweise in den Ruhestand verabschieden würden. „Können sie aber nicht“, sagt Dr. Kampe. „Sie finden einfach keinen Nachfolger.“ Acht Praxen hätte der KV-Mann im Angebot. Leider aber keine Interessenten.

Um wieder mehr Jungmediziner für die Tätigkeit als Hausarzt zu interessieren, haben die Augusta Kliniken Bochum Hattingen mit der KV sowie vielen Hausarzt-Praxen in Bochum und Hattingen einen Weiterbildungsverbund für Allgemeinmedizin aus der Taufe gehoben. Der Verbund startete am 1. Dezember und hat mit Dr. Olaf Hagen, dem Chefarzt der Augusta-Geriatrie, einen erfahrenen Mediziner als Koordinator gewonnen. Es handelt sich um den ersten Weiterbildungsverbund im Großraum Bochum, dessen Bemühungen auch die Ruhr-Universität unterstützt. Die Ärztekammer hat dem Verbund die Weiterbildungserlaubnis erteilt.

Dieser neue Verbund soll angehenden Medizinern die Facharztausbildung erleichtern, „weil wir Klinik und Praxis vernetzen“, so Hagen, „und gleichzeitig für wirtschaftliche Sicherheit sorgen können. Die Ärztekammer Westfalen/Lippe und die KV sponsern nämlich die Ausbildung der Allgemeinmediziner und auch die Krankenkassen subventionieren bundesweit Förderstellen, davon ca. 500 in NRW. In Unkenntnis dieser Fakten, klagt Bernhard H. Schulte, Ressortleiter Aus- und Weiterbildung bei der Ärztekammer, "werden die Mittel aber oft nicht abgerufen."

Junge Ärztinnen, die am Studienende oftmals bereits Mütter sind, erreicht der Ausbildungsverbund durch Teilzeitangebote, will dadurch auch verhindern, dass gut ausgebildete Frauen dem Gesundheitssystem verloren gehen. „In einer großen Praxis“, so sagt der Hattinger Allgemeinmediziner Dr. Willi Martmöller, „ergänzen sich junge und erfahrene Mediziner. Und fast alle, die sich einmal auf eine Hausarztpraxis einlassen, bleiben schließlich kleben." Dass eine viermonatige Tätigkeit in einer Hausarztpraxis während des Praktischen Jahres für die Facharztausbildung voll anerkannt wird, ist ein angenehmer Nebeneffekt. Dass in den Augusta Kliniken sieben Ausbildungsstellen extra für den Verbund geschaffen werden, ein weiterer.

In einem solchen Verbund sind auch unterschiedliche, individuelle Teilzeitmodell machbar. Die „Gesetze“ allerdings lassen sich nicht aushebeln. „Die Weiterbildungsordnung“, so Dr. Olaf Hagen, „regelt die Minimalanforderungen an einen Facharzt für Allgemeinmedizin: Je zwei Jahre Tätigkeit in der Inneren Medizin und der Praxis , sowie ein weiteres Jahr in der unmittelbaren Patientenversorgung nach Wahl wie z.B. Frauenheilkunde oder Kindermedizin. Und wer das halbtags schultert, muss zehn Jahre an „seinem Facharzt“ arbeiten.

Die alten Vorurteile machen den Hausärzten übrigens noch heute zu schaffen, obwohl die Kritikpunkte längst ausgeräumt sind. Früher habe man ständig Notdienste machen müssen, erinnert sich Martmöller, aber der sei ja neu organisiert und die Praxen sind deutlich entlastet. „Als ich vor 28 Jahren anfing", erinnert er sich, "habe ich in Bredenscheid fast jede Nacht Notdienst gehabt."

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