Dr. Schlosser und Dr. Kampa
im Intensiv-Gespräch mit der WAZ

In einem intensiven Gespräch zwischen WAZ-Redakteurin Petra Koruhn, EvK-Chefarzt Dr. Gerhard Schlosser und Oberarzt Dr. Ulrich Kampa ging es um die kritischen Worte, die Schlossers und Kampas Intensivmediziner-Kollege Dr. Michael de Ridder im Spiegel geäußert hatte.

Der bekannte Kritiker hatte sich für eine veränderte Sterbekultur auf Intensivstationen ausgesprochen.

Zitat aus dem SPIEGEL:
„SPIEGEL: Herr de Ridder, als Notfallmediziner kämpfen Sie täglich darum, Leben zu retten. Ausgerechnet Sie plädieren jetzt für eine neue Sterbekultur - ist das nicht ein Widerspruch?

De Ridder: Gerade in meinem Bereich erlebe ich oft, wie die Grenzen des Lebens immer weiter ausgedehnt werden, ohne Rücksicht darauf, ob das dem Wohl und dem Willen des Patienten entspricht. In manchen Rettungsstellen kommt mittlerweile die Hälfte aller Einweisungen aus dem Pflegeheim. Bekommt ein chronisch Schwerstkranker dort einen Herzstillstand oder eine Lungenentzündung, wäre es das Sinnvollste, dafür zu sorgen, dass er nicht leidet, und alles Weitere zu unterlassen. Aber das passiert immer noch zu selten. Stattdessen reißt man sterbende alte Menschen aus ihrer gewohnten Umgebung, verfrachtet sie mit Blaulicht ins Krankenhaus, reanimiert und beatmet sie - und wenn sie Pech haben, sterben sie im Aufzug. Das sind schreckliche, unwürdige Situationen.

SPIEGEL: Wie kommt es dazu?

De Ridder: Einfach so zu sterben ist in unserer Gesellschaft nicht mehr vorgesehen, sogar an Orten, wo man es erwarten könnte. Es stirbt kaum jemand ohne Infusion oder künstliche Ernährung. Das Sterben hat längst seine Natürlichkeit verloren.“

Wenn ein Notfallpatient eingeliefert wird, weiß niemand, ob er nicht vielleicht irgendwann zu einem Wachkomapatienten werden könnte, deshalb laufe natürlich ein System an, das darauf ausgerichtet sei, den Menschen zu retten. (Not kennt kein Gebot.) Aber: „Schaden vom Patienten abwenden“ im Sinne des hippokratischen Eides könne auch sein, keine maximale Intensivmedizin zu machen.

Man sollte auch nie von einem Therapieabbruch sprechen, sondern besser von einem „Ändern der Therapieziele“, denn „wenn nichts mehr zu tun ist, gibt es noch viel zu machen.“ – Der Patient soll nämlich keine Luftnot, keinen Hunger, keinen Durst, keine Schmerzen, keine Angst haben. Im Rahmen der ärztlichen Sterbebegleitung gehe es dann um palliative Maßnahmen und vordringlich darum, Ängste zu reduzieren und Leiden zu lindern.

Man müsse, so Dr. Kampa, den Tod eines Menschen nicht als ärztliche Niederlage verstehen. „Junge Ärzte sehen das oft so“, sagt er, deshalb müsse man die Kommunikations- und Gesprächsstrategien verbessern, um die jungen Kollegen mitzunehmen.

Eine Patientenverfügung sei eminent wichtig und hilfreich. Noch wichtiger aber sei es, einen Ansprechpartner bzw. vom Patienten benannte Bevollmächtigte/Betreuer zu haben, die dessen Willen genau kennten und ihn den behandelnden Ärzten mitteilen können.