Kino gegen den Schlaganfall war ein toller Erfolg

Das „Kino gegen den Schlaganfall“, das Dr. Rainer Poburski, Chef der Neurologischen Klinik I am Evangelischen Krankenhauses Hattingen im Central-Kino angeboten hatte, war ein toller Erfolg. Mehr als 50 menschen waren gekommen, um sich am Schlaganfalltag über das Thema des Tages zu informieren.
Es war ein ergreifender Film, der die Besucher 108 Minuten lang in den Bann zog. „Für eine Dokumentation“, sagte ein Zuschauer, „war der Film mehr als interessant. Bei einem Actionfilm hätte ich ‚spannend‘ gesagt.“
Die anschließende Diskussionsrunde klärte alle offenen Fragen.

Inhalt des Films

Ein Schlaganfall kommt unerwartet. Er vernichtet alle Zukunftspläne.

Gerade als junger Mensch ist man nicht darauf vorbereitet, so abrupt aus dem Leben gerissen zu werden. Als der 33-jährige Musiker Boris Baberkoff in New York einen schweren Schlaganfall erleidet, entwickelt seine Frau, die Regisseurin Katarina Peters, eine eigensinnige Überlebensstrategie: Sie hält sich an ihrer DV-Kamera fest. Fast zufällig wächst über die Jahre ein hautnahes Bildarchiv heran. So entsteht AM SEIDENEN FADEN, ein autobiografisches Dokument über die Krankheit Schlaganfall – und über die Kraft der Liebe und der Musik.

New York, Dezember 1998: Boris stammt aus einer ungarischen Musikerfamilie; er steht kurz vor einem wichtigen Vertragsabschluss.

In der New Yorker Zentrale einer großen Plattenfirma stellt er seine neuen Stücke vor. Katarina, Filmemacherin und Künstlerin, arbeitet an einem Dokumentarfilm über den amerikanischen Kunstmarkt. Nach einem fröhlichen Abend mit Freunden bricht Boris zusammen. Die Diagnose: Stammhirninfarkt – Boris ist „locked-in“. Reglos liegt er da, bei vollem Bewusstsein in seinem Großhirn eingeschlossen. Die Prognosen der Ärzte sind niederschmetternd – Katarina aber ringt nach Auswegen, dem Prinzip Hoffnung folgend…

Einen Monat später werden Boris und Katarina nach Hause geflogen, eine Schuldenlast von 350.000 $ im Gepäck. Zurück in Berlin, beginnt für Boris ein langer, mühsam qualvoller Weg der Heilung und Auseinandersetzung. Ist anfangs der Tod körperlich spürbar, wächst in den folgenden Jahren die psychische Belastung in der Partnerschaft. Ein neuer Alltag mit der Behinderung bringt tägliche Erschütterungen für beide: Existenzängste, Außenseitertum und Beziehungsstress. Der Film stellt die großen Fragen des Lebens – Liebe und Hass, Leben und Tod, Verantwortung und Schuld. Die Erzählstruktur bewegt sich auf zwei Ebenen: dokumentarisches DV-Material wird verwoben mit inszenierten 35mm-Bildern. Traumvisionen und schmerzhaft-reale Etappen einer Heilung bestimmen die Dynamik und Bildsprache des Films.

In der dokumentarischen Auseinandersetzung begleitet die kleine schnelle DV-Kamera Boris aus minimaler Distanz. Mit unerschrockenem Humor und ohne Scham offenbart sich der Kranke in seinem Ausgeliefertsein – aber auch in seinem unerschütterlichen Willen, wieder gesund werden zu wollen.

„Es ist unglaublich, wie schön das ist, wenn man zurückkommt zum Leben“, sagt Boris in der Mitte des Films. Katarinas innere Wirklichkeit, inspiriert von ihren Träumen, findet einen Ausdruck in opulenten Kinobildern. Inszenierte Szenen, in denen sich Katarina in Boris’ Cello verkriecht, mit Wasserfluten kämpft oder ein Gehirn häkelt, ergänzen die beobachtete Außenwelt. Bei der Suche nach Lösungen für ihre Beziehung im Ausnahmezustand vertraut die Regisseurin auf die reale Kraft ihrer Vorahnungen und Intuitionen…

Der Schlaganfall von Boris Baberkoff

Bei Boris Baberkoff traten einige Wochen vor dem Schlaganfall typische Vorzeichen auf. Er klagte wiederholt über Sehstörungen und Schwindelgefühle. Diese Symptome wurden sowohl vom Hausarzt als auch kurz darauf in der Notaufnahme eines Krankenhauses nicht erkannt und ernst genommen. Die notwendigen neurologischen Untersuchungen wurden unterlassen.

Grit Lemke im Interview mit Katarina Peters

Lemke: Der Film ist über einen sehr langen Zeitraum entstanden…

Peters: Ja, angefangen hat es im Dezember 98 mit dem Schlaganfall von Boris. Er war 33, und wir hatten uns gerade erst kennengelernt, hatten irrsinnige Pläne. Dann passiert so etwas, und man ist in einer völlig neuen Situation. Am Anfang ging es ums pure Überleben, und ich habe intuitiv und aus dem Bauch heraus angefangen zu filmen.

Ab wann war dir klar, dass das jetzt dein Film wird?

Am Anfang überhaupt nicht. Auf der Intensivstation habe ich mich nicht richtig getraut, man ist als Angehöriger dort eh immer im Weg. Als ich mir allerdings die Bilder später angesehen habe, hat mich überrascht, wie durchdacht sie schon waren. Aber erst als ich nach einem Dreivierteljahr wusste, dass Boris überlebt, habe ich mich mit dem Gedanken beschäftigt, dass da mehr drinstecken könnte, habe Sachen aufgeschrieben, zum Beispiel diesen Traum: Ich baue eine Geige, und sie ist verkrüppelt. Boris hatte mich als kreativer Mensch und Künstler sehr inspiriert, ich hatte Sehnsucht danach, nach einer längeren Pause selbst wieder künstlerisch aktiv zu werden.

Dazu ist es ja durch diese Geschichte auch gekommen.

Ja, das ist das Seltsame daran. Und sie hat mich noch auf ganz andere Sachen gebracht: unsere Wahrnehmung, unsere begrenzte Vorstellung von Zeit und Raum, die Funktionalität unseres Gehirns.
Es hat mich gereizt, das in der Geschichte von dem Traum unterzubringen. Wobei die Frage war, wie man die zwei ganz verschiedenen Ebenen zusammenbringt: Inszenierungen und dokumentarisches Material.

Und auch das Dokumentieren selbst schien manchmal nicht unproblematisch.

Eine Zeitlang hat die Kamera Boris gereizt, sich mir zu offenbaren, schutzlos und mit einem unglaublichen Urvertrauen. Er sagte einmal: “Schämen gibt es gar nicht, es ist sowieso alles nackt.” Manchmal hat er auch die Kamera genommen und mich gefilmt wacklige Bilder, über die ich sehr glücklich bin. In dem Moment aber, als er nach Hause kam, ist bei uns beiden was passiert. Er saß im Rollstuhl, kleckerte permanent, verletzte sich, lernte laufen, kippte um, brach sich den Arm … Dazu der Existenzkampf. Da setzte eine depressive Zeit ein, wo er keine Lust mehr hatte, mir seine Gefühle zu zeigen und ich keine Lust, ihn mit der Kamera zu provozieren. Es wurde immer dünner, und natürlich habe ich auch nicht so authentisch auf Material gebannt, wie ich ungeduldig und hässlich zu ihm bin. Das Problem beim Schneiden und Texten war: Wie stelle ich das alles dar?

Inwiefern war Boris daran beteiligt?

Wir haben im Schneideraum gerungen und immer wieder bei ihm nachgefragt und er hat seine Meinung dazu gesagt.

Wie war es für ihn, sich selbst so hilflos im Film zu sehen?

Er ist ein Performer, von Natur aus. Und ich habe ihn von Anfang an, auch als er noch in seinem Großhirn eingeschlossen war, einbezogen.

Das Filmprojekt hat sich mit eurer Homepage ausgeweitet in
Richtung Hilfe für Betroffene und Angehörige…

Ja, denn außer medizinischen Seiten im Internet gibt es nichts, das einen abholt in dem Moment, wo das gesamte Leben sich ändert: Alles dreht sich nur noch um Boris. Und ich muss mich so ausrenken

und hab das Gefühl, mein ganzes Leben ist kaputt. Und hab gar kein Recht, mich zu beschweren, denn ich bin ja gesund. Diesen Gedanken: ‚Es ist dein verdammtes Schicksal, und ich will es nicht mit dir teilen.’ lässt man nur sehr schwer zu, hat immer ein schlechtes Gewissen. Es hat mich interessiert, das zu verfolgen.