Was ist Blasenschwäche?
Von Priv.-Doz. Dr. Gabriele Bonatz

In unserem Land leiden vorsichtigen Schätzungen zufolge mindestens 7-8 Millionen Menschen an Blasenschwäche. Betroffen sind besonders Frauen. Im Alter zwischen 30 und 60 Jahren hat jede dritte Frau Probleme mit der Blase. Diese können sich in Form von häufigem Wasserlassen, ständigem Harndrang, nächtlichen Ruhestörungen durch das Gefühl der vollen Blase bis hin zu Urinverlust beim Husten, Bewegung oder schlimmstenfalls in Ruhe äußern. Bei unwillkürlichem Urinverlust spricht man von Harninkontinenz, von der verschiedene Formen bekannt sind:

Unter Belastungsinkontinenz versteht man den nicht beherrschbaren Urinverlust bei körperlicher Anstrengung wie Sport oder auch Treppensteigen. Dranginkontinenz ist die Folge einer überaktiven Blase.

Die Ursachen der Blasenschwäche sind vielfältig: Jüngere sind betroffen, wenn z.B. durch Schwangerschaft oder Geburt der Beckenboden instabil ist. Eine angeborene Bindegewebsschwäche kann zu Senkungen der vorderen Scheidenwand mit der dahinterliegenden Harnblase führen, was wiederum Blasenschwäche oder sogar Inkontinenz nach sich zieht. Ein Mangel an weiblichen Hormonen kann die Harnröhren- und Blasenschleimhaut schwächen. Die Funktion der Harnblase kann durch Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes, Nebenwirkungen von Medikamenten, die wegen anderer Erkrankungen eingenommen werden, Erkrankungen des Nervensystems, aber auch durch psychosomatische Leiden und Übergewicht empfindlich gestört werden.

Häufig beeinträchtigt die Blasenschwäche die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Auch Sexualität kann häufig nicht mehr erfüllt erlebt werden. Partnerschaftliche Probleme sind die Folge.

Trotzdem begeben sich Betroffene viel zu spät in ärztliche Behandlung, und auch die Diagnostik und Therapie sind nicht immer angemessen.

Leider ist die Beckenbodenanatomie so komplex, dass die Behebung der Blasenschwäche oft ein anderes, bisher verstecktes Symptom zum Vorschein bringt. Deswegen sollte ein ganzheitlicher Ansatz verfolgt werden. Bei der gezielten Anamnese wird die Art der Beschwerden genauestens erfragt, denn diese bestimmen die nachfolgende Diagnostik.

Durch eine einfache gynäkologische Tastuntersuchung ist die Funktionalität der Beckenbodenmuskulatur beurteilbar und damit der Sinn oder Unsinn eines Beckenbodentrainings. Senkungszustände können durch eine Spiegeleinstellung festgestellt werden. Eine Ultraschalluntersuchung zeigt neben dem inneren Genitale auch Mobilität und Veränderungen des Verschlussmechanismus der Harnröhre.

Eine genaue Zuordnung zur Art der Blasenschwäche erhält man durch eine Blasendruckfluß-Messung (Urodynamik). Hierbei wird die Harnblase unter kontrollierten Bedingungen über einen ultradünnen Katheter gefüllt und mit einer integrierten Sonde gemessen, ab wann es zum Harndrang oder unwillkürlichem Urinverlust in Ruhe und bei Belastung (Hustenprovokationstest) kommt.

Eine Spiegelung der Harnröhre und -blase (Urethrocystoskopie) mit Probeentnahme, ergänzt durch eine Weitenmessung der Harnröhre bringt Klarheit darüber, ob die Schleimhäute selbst erkrankt und damit für eine Drangsymptomatik verantwortlich sind.

Gibt die Anamnese Anlass zur Ursachenforschung in anderen Fachgebieten, müssen entsprechende Fachkollegen hinzugezogen werden (z.B. Neurologie oder Gastroenterologie).

Wenn alle Befunde erhoben sind, müssen Sie kompetent bewertet und vor Allem mit den Beschwerden korreliert werden:

Idealerweise wird hierfür eine fachübergreifende Konferenz in einem spezialisierten Zentrum abgehalten.

Alle wichtigen anamnestischen Informationen und alle erhobenen Untersuchungs-Befunde werden auf der Konferenz mit Bildmaterial vorgetragen. Die vollständige Erklärung für so manches Beschwerdebild wird oft durch Diskussionsbeiträge der jeweiligen Nachbardisziplinen während der Beckenbodenkonferenz gefunden.

Aus allen Aspekten zusammen wird dann ein individuelles ganzheitliches Behandlungskonzept.. Das ist erforderlich, um die Blasenschwäche, die häufig mit anderen Störungen des Beckenbodens kombiniert ist, wirklich nachhaltig zu behandeln

Bevor eine Operation in Erwägung gezogen wird, sollten erst alle konservativen Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft werden: Im Zentrum steht hier die Physiotherapie mit Biofeedback, Elektrostimulation, Beckenbodenschulung und Wahrnehmung, Rüttelplattentherapie und Osteopathie.

Da bei ca. 20% aller Patientinnen hat die Blasenschwäche eine seelische Ursache, die ausgeschlossen werden muss. Eine diätetische Beratung steht für alle Übergewichtigen mit Beckenbodenproblematik auf dem Programm. Bei Harndrang kann die Beseitigung eines lokalen Hormonmangels zur Symptombesserung führen. Für die Therapie der überaktiven Blase und bei Belastungsinkontinenz stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung. Pessare sind eine bewährte Alternative zur operativen Therapie urogynäkologischer Erkrankungen, vor allem wenn hohe Operationsrisiken bestehen.

Haben die konservativen Behandlungsmethoden nicht den gewünschten Erfolg gezeigt, kommt gegebenenfalls eine operative Korrektur der gestörten Funktion oder eine operative Rekonstruktion des Beckenbodens in Betracht.

Um den Verschlussmechanismus der Harnröhre bei Belastungsinkontinenz ohne Senkungszustand wieder herzustellen, ist das Einbringen eines spannungsfreien Bandes von der Scheide aus ein einfaches Verfahren in der Hand eines Geübten.

Sind die seitlichen Haltestrukturen zur Beckenwand betroffen, kommt ein Anheben der seitlichen Scheidenwände durch Bauchschnitt oder minimalinvasiv zum Einsatz.

Zur Stabilisierung des Verschlussmechanismus kann es auch sinnvoll sein, die Harnröhre zu unterpolstern.

Die Beruhigung einer überaktiven Blase kann durch Botulinumtoxin-Injektionen in die Schleimhaut erreicht werden.

Durch das Einbringen spezifischer Medikamente in die Harnblase kann ihre Schleimhaut wieder aufgebaut werden.

Um einer Blasenschwäche vorzubeugen, werden folgende Aspekte diskutiert:

-         beckenbodenschonenden Geburt? Die Fruchtblase soll möglichst lang erhalten bleiben und die Pressperiode kurz gehalten werden. Dammschnitte schützen den Beckenboden nicht!

-         Beckenbodentraining? Vorsicht! Macht nur Sinn, wenn keine vollständige Beckenbodenschwäche besteht. Einfacher Test: Die Scheide bei in die Scheide eingeführtem Finger zusammenziehen. Fühlen sie dies nicht, spannen Sie die falschen Muskeln an. Durch eine Elektrostimulation und anschließendem Biofeedback kann das „Gefühl“ für die Beckenbodenmuskulatur wieder erworben werden. Und erst dann kann man den Beckenboden unter physiotherapeutischer Anleitung trainieren. (Wird von den Krankenkassen nur auf Antrag und bei Inkontinenz erstattet)

-         Übungen zur Entspannung des Beckenbodens? Immer gut!

-         Wenn Gebärmutterentfernung, dann beckenbodenprotektiv? Ist nur der Gebärmutterkörper, nicht der Gebärmutterhals erkrankt, kann dieser mit seinen bindegewebigen Strukturen zur Blase, Darm und der seitlichen Beckenwand erhalten bleiben. Der Gebärmutterkörper wird über eine Bauchspiegelung entfernt. Nachteil. In zehn Prozent Fortbestehen der Menstruationsblutung. Da der der Gebärmutterhals erhalten bleibt, bleibt auch das Risiko der Krebsentstehung in diesem Bereich.

-         Beckenbodenstärkender Sport? Z.B. Rudern, Reiten, Fahradfahren

-         Daran denken: bei schwerem Tragen, den Beckenboden anspannen!

-         Einem lokalen Hormonmangel durch die Anwendung östrogenhaltiger Scheidenpräparate entgegenwirken (Sprechen Sie Ihren Frauenarzt darauf an!)