Öffentliches Bücherregal im Augusta Bochum-Linden

Auch in einer Bücherflut kann man untergehen. Das stellten die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer der Seniorengruppe „Berg und Tal“ an der Lindener Augusta-Kranken-Anstalt jetzt mit Überraschung fest: Man hatte die Spendenfreudigkeit der Bochumer schlichtweg unterschätzt.

Die Gruppe, die im Lindener Augusta ein wunderbares Angebot zur Erhaltung der Mobilität von Senioren macht, hatte zu Bücherspenden aufgerufen, die auch reichlich an der Dr.-C.-Otto-Straße ankamen. „Die Bücher sollten als Grundstock einer kleinen Bibliothek dienen“, erläutert Vereinsvorsitzender Dr. Hans-Otto Müller. „Aber auch zum Verkauf auf dem Weihnachtsbasar.“

In rauen Mengen spendeten freundliche Mitbürger Gedrucktes aus allen nur möglichen Bereichen. Vieles, so Müller, sei sogar doppelt im Augusta angekommen. „Die vorhandenen Bücherborde reichten schließlich für eine geordnete Gliederung nicht mehr aus.“

„Als Goethes Zauberlehrling in Wassermassen zu ertrinken drohte rief er den alten Zaubermeister zu Hilfe“, erzählt Dr. Müller. „Der wusste Rat – und die Flut wurde beherrscht.“ Man machte kurzerhand aus der Not eine Tugend und errichtete ein öffentliches Bücherregal in der Eingangshalle des Lindener Krankenhauses.

Über 200 Bücher, Hörbücher und CDs sind stets vorhanden. Sie stehen dem interessierten Besucher kostenlos zur Verfügung. Und man wundert sich in Linden, wie schnell die Werke verschwunden sind. „Innerhalb eines einzigen Monats“, so Dr. Müller, der ehemalige Augusta-Chefarzt, „wechselten fast 300 Bücher und CDs den Besitzer.“

Der Bestand, so sagt er, werde laufend ergänzt und man wünsche den Lesern und Hörern jede Menge Spaß beim Genuss der Augusta-„Mitbringsel“. Im August und September wolle er dieses öffentliche Bücherregal (ÖFBÜ) auf jeden Fall noch weiter anbieten.

Das Projekt erinnert im Kleinen ein wenig an die „landbasierte“ Internet-Plattform „bookcrossing.com“, die (allerdings weltweit!!) als Gratis-Bibliothek funktioniert. Über 800.000 Menschen in mehr als 130 Ländern sind dort registriert. Allein in Nordrhein-Westfalen gibt es über 15.000 Bookcrosser: Menschen zwischen sieben und 77 Jahren, die mehr als 350.000 Bücher auf die Reise zu neuen Lesern geschickt haben.

Das Prinzip ist, seine gelesenen Bücher nicht im eigenen Bücherschrank gefangen zu halten, sondern sie „frei zu lassen“, um anderen die kostenlose Lektüre zu ermöglichen. Es gibt Bücher, die auf diese Weise um die ganze Welt gereist sind. Weil die „Crosser“ ihren Büchern Identifikationsnummern geben, kann man deren Reisen im Internet verfolgen. Vorausgesetzt, der „Finder“ registriert den Buch-Fund dann auch im Internet.

Dr. Müller, der seine Privat-Briefe immer noch handschriftlich verfasst, kennt Bookcrossing nur vom Hörensagen. Aber im Prinzip praktiziert er es: Bücher kommen und gehen – und erfreuen viele Menschen im Lindener Mikrokosmos.