Behandeln wir im Krankenhaus

die Krankheit oder die Kranken ?

Festrede von Prof. Dr. med. Santiago Ewig

zur Feier des 25-jährigen Jubiläums

der Evangelischen Krankenhaushilfe in der Augusta-Kranken-Anstalt

25. Juni 2009

Ich bin nicht sicher, ob alle die gestellte Frage verstehen. Krankheit versus Kranke – wo ist da ein Unterschied ? Wird die Krankheit behandelt, so auch der Kranke. Wer möchte da einen Widerspruch konstruieren ?

Und doch geht es in dieser Frage um sehr viel. Es geht um unser Verständnis der Krankheit, somit um das des Lebens überhaupt. Dass wir die Frage womöglich als abwegig empfinden, belegt lediglich, wie selbstverständlich ein bestimmtes, heute vorherrschendes Krankheitsverständnis für viele geworden ist.

Dieses Krankheitsverständnis versteht Krankheit als biologisch beschreibbare Unordnung (englisch: disorder), letztlich im wesentlichen genetisch determiniert und durch Kofaktoren der Lebensform zum Ausbruch gebracht. Sie hat nichts mit unserer Lebensgeschichte zu tun. Wer sie behandeln will, muss die Krankheit biologisch verstehen und sie als Unordnung wieder ordnen. Bildlich gesprochen kommt die Redifferenzierung entdifferenzierter (Tumor)Zellen durch Biologika diesem Modell am nächsten. Dabei umfasst der Geltungsbereich dieses Modells längst nicht mehr nur den Körper, sondern genauso die Psyche.

Dieses Modell ist unbestreitbar so erfolgreich, daß alle anderen Krankheitsvorstellungen in den Geruch des Vorrationalen geraten. Dies betrifft alle ehrwürdigen Vorstellungen und Traditionen der Medizingeschichte in gleichem Ausmaß wie moderne psychosomatische Konzepte. Selbstverständlich hat diese Sicht auch längst die Theologie erfasst. Die Heilungsgeschichten Jesu Christi im Neuen Testament sind entweder rein bildhaft zu verstehen oder nachösterliche Konstruktionen der frühen Gemeinden. Krankheit, Heilung und Heil haben demnach nichts miteinander zu tun.

Suchen Sie also die Internetseite eines beliebigen Krankenhauses auf, sie werden viel finden darüber, welche innovativen und leistungsfähigen Technologien verfügbar sind. Suchen Sie nach Zeichen einer Behandlung von Kranken, finden Sie sich auf die Bereitstellung der Annehmlichkeiten der Hotellerie verwiesen. Auch Sozialdienst und Psychoonkologie sind kein Beweis des Gegenteils. Angebote zur Versorgung von Kranken und Bewältigung der Krankheit bedeuten zunächst lediglich die Anerkenntnis, daß Patienten in einer bestimmten unterstützungsbedürftigen Lebenssituation stecken, wenn sie ihr biologisches Schicksal einholt.

Ist denn etwas falsch an diesem Modell ? Zunächst einmal ist viel Richtiges daran. Krankenhäuser behandeln Gott sei Dank Krankheiten, möchte man sagen. Die Objektivierung von Krankheitssymptomen eines Individuums zu einer Krankheitsentität bietet eine Fülle von Vorteilen. Sie hat den Weg freigemacht, die biologische Basis von Krankheit tatsächlich zu verstehen. Sie hat auf diese Weise Möglichkeiten eröffnet, Krankheiten pathophysiologisch begründet zu behandeln, zu lindern oder zu heilen. Sie hat den Kranken sozial freigesprochen von allen schwelenden Schuldgefühlen, und somit den Zusammenhang von Tun und Wohlergehen soweit zumindest relativiert, daß keine soziale Ungleichbehandlung, Isolation oder gar Bestrafung aufgrund von Krankheit mehr begründbar erscheint. Sie hat andererseits Möglichkeiten der Prävention eröffnet, die den Individuen sogar einen Spielraum an Gesundheitsautonomie eröffnen, den es so noch nie vorher gegeben hat.

Man könnte nun einwenden, die gegenwärtige Medizin vernachlässige die biopsychosoziale Dimension der Krankheit. Dieser Einwand begleitet die naturwissenschaftlich begründete Medizin seit ihrer Entstehung in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Er besagt, daß die Psyche bzw. der Psyche in ihrer sozialen Einbettung nur künstlich aus der Krankheitstheorie herausgedrängt worden ist. Dies mit der Folge, daß die Medizin in ihrer Praxis an vielen Problemen ihrer Patienten vorbeihandelt, da sie alle Symptome auf ihren biologischen Grund hin verfolgt. Die Medizin verfehlt sozusagen dauernd ihr Thema. In einer Kritik der sogenannten instrumentellen Vernunft weitet sich dann die Medizinkritik zu einem Aspekt einer fundamentalen Kritik unserer Gesellschaft aus, die psychosoziale Probleme im Grundsatz nur technisch zu beantworten weiß, damit das Individuum jedoch grundsätzlich verfehlt.

Unabhängig davon, ob man diese Kritik teilt oder nicht, scheint mir zutreffend, daß die aktuelle naturwissenschaftliche Medizin in der Nachfolge von Descartes die Psyche zu Unrecht als außerterritoriale Größe behandelt. Viele neurobiologische Befunde belegen, daß nicht nur die Psyche vom Körper, sondern umgekehrt auch der Körper von der Psyche beeinflußt wird. Mehr noch, zum Beispiel Erkenntnisse der sogenannten Epigenetik legen nahe, daß nicht Gene alleine unser biologisches Schicksal determinieren, sondern vielmehr die Genexpression, die „Genschalter“, die ihrerseits allerdings durch Lebenserfahrungen und –einflüsse geprägt und sogar an die nächste Generation weitergegeben werden können. Die Psyche in der Krankheitstheorie zu vernachlässigen, entspricht demnach nicht mehr dem Stand des gegenwärtigen Wissens. Die gerade erwähnte fundamentale Kritik der instrumentellen Vernunft könnte ihre Wahrheit gerade darin erweisen, wie widerstandsfähig sich die Krankheitstheorie auf Dauer gegen ihre eigenen theoretischen Grundlagen erweisen wird.

Aber auch in einer zeitgemäßeren Ausbildung der naturwissenschaftlichen Krankheitstheorie, in der biopsychosoziale Dimensionen der Krankheit Platz finden, handeln wir jedoch noch von Krankheit und nicht oder nicht notwendig von Kranken. Ein Kranker kommt erst dann zu Gesicht, wenn er als ein solcher wahrgenommen wird. Was bedeutet diese Aussage ? Wer oder was soll hier wahrgenommen werden ?

Ein Kranker hat eine Krankheit. Diese Krankheit ist jedoch nicht nur etwas Äußerliches, Fremdes, Unverständliches, sondern ein Einbruch in sein Leben. Sie ist eine Unterbrechung, ein Zerbrechen, mit der Folge, daß der Kranke unabhängig  davon, wie diese Krankheit verlaufen und ausgehen wird, nie wieder derselbe sein wird, der er vorher war. Ein Kranker ist ein Mensch, der sich seiner Sterblichkeit bewußt wird. Dies gilt auch dann, wenn er diese Erfahrung zu verdrängen sucht. Mit der Erfahrung der Sterblichkeit ist auch die der Unumkehrbarkeit der bisherigen Lebensgeschichte, ihres Glücks und ihrer Schuld gesetzt. Die Aussicht, durch eine erfolgreiche Behandlung der Krankheit weiterleben zu dürfen, die Aussicht gar auf Heilung, ist nicht zu haben, ohne vorher der Sterblichkeit begegnet zu sein. Die Fügung in eine nicht heilbare Krankheit ist nicht zu haben, ohne vorher die Sterblichkeit und das eigene Leben, das bald sterben wird, angenommen zu haben.

Wer daher einem Kranken in die Augen sieht, muß sich darauf gefaßt machen, ein Spiegelbild der eigenen Erfahrung von Sterblichkeit zu erkennen. Wer Kranke besucht, muß sich darauf einstellen, vor Fragen gestellt zu sein, die vielleicht nicht immer bzw. sogar nur unter bestimmten Bedingungen ausgesprochen oder behandelt, wohl aber wahrgenommen werden wollen. Ein Händedruck, ein Blick, einige wenige Worte, eine Berührung können als Zeichen genügen, daß wir den Kranken wahrgenommen haben. Wer Kranken begegnet, stellt fest, daß Krankheit, Heilung und Heil sehr nahe beieinander liegen.

Ein Krankenhaus ist auch ein Betrieb, manche sagen: ein Unternehmen, in jedem Fall müssen Behandlungen standardisiert, Abläufe strukturiert und rationalisiert, Verweildauern gesteuert werden. Gegen manche Kritik ist zu sagen: gute Medizin ist immer auch rationelle Medizin. Dennoch: es besteht die Gefahr, daß die Hauptakteure der Behandlung immer weniger den Kranken ins Gesicht sehen, immer weniger verstehen, wie wichtig neben einer kompetenten Behandlung der Krankheit Zeichen der Wahrnehmung des Kranken sind.

Die evangelische Krankenhaushilfe nimmt hier eine Aufgabe von nicht zu überschätzender Bedeutung ein. Sie steht ein für die Begegnung mit dem Kranken, manchmal zusätzlich zu Familie und Freunden, zu Ärztinnen bzw. Ärzten und Pflegenden, zu Seelsorge und Sozialdienst, manchmal, ich hoffe nur in seltenen Fällen, aber auch weitgehend alleine. Der Besuchsdienst nimmt eine wesentliche Festlegung Jesu Christi ernst, der uns klar ins Stammbuch geschrieben hat, daß derjenige, der Kranke besucht, ihn selbst vor sich hat. „Ich war krank, und ihr habt mich besucht“ – das ist die Antwort, die wir finden, wenn wir den Mut haben, Kranke zu besuchen und ihre Erfahrungen zu teilen.

Ich möchte daher allen, die in der evangelischen Krankenhaushilfe hier in der Augusta-Kranken-Anstalt tätig geworden sind, auch im Namen der Geschäftsführung, aller Ärztinnen und Ärzte sowie aller Pflegenden und der Seelsorge herzlich danken. Unser Krankenhaus ist nur das, was es ist, weil es nicht nur Krankheiten behandelt, sondern auch Kranke wahrnimmt und besucht. Wir als christliches Krankenhaus erfahren so, daß wir unseren Herrn selbst beherbergen, und daß er uns die Kraft gibt, unser Leben und Sterben anzunehmen.

Hinweis: Die Rede wich in einigen Punkten vom manuskriopt ab