AdipositasZentrum NRW trifft die AOK

Das traditionelle, regelmäßige Meeting der am AdipositasZentrum NRW Beteiligten war Mitte Mai etwas ganz Besonderes: Auch Direktor Neumann von der AOK Regionaldirektion war zum Meeting der Experten gekommen, um mehr über diese Arbeit zu erfahren und sich deren spezielle Sorgen und Probleme einmal persönlich anzuhören.

600.000 Bürger gebe es im unmittelbaren Einzugsbereich der Krankenhäuser der Evangelischen Stiftung Augusta und der Krankenhausgemeinschaft Herne/Castrop-Rauxel. „Davon sind 120.000 übergewichtig und gehören damit zu unserer Zielgruppe“, skizzierte Dr. Thomas Hulisz, der Medizinische Leiter des AdipositasZentrums NRW (Augusta Bochum). „Wir sehen aber jährlich nur etwa 150 bis 200 davon.“ Dies summiere sich zwar in den letzten Jahren auf gut 3.500 Patienten, sei aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Professor Dr. Andreas Tromm, Chef der Inneren Klinik am Evangelischen Krankenhaus Hattingen, sprach über die Abrechnungsmethodik, die nur jeweils über die Begleiterkrankung der Adipositas definiert sei und die Kosten nicht decke. „Es kostet 100 Euro pro Tag, ein Spezialbett für Schwerstgewichtige zu mieten.“ Das gleiche gelte für Rollstühle und OP-Tische. Außerdem sei der Pflegeaufwand durch die vermehrte Bindung von Pflegekräften hier erheblich höher.

 Professor Dr. Matthias Kemen, Chef der Chirurgie am Ev. Krankenhaus Herne, berichtete, dass an seiner Klinik seit zehn Jahren Adipositaschirurgie gemacht werde. Seit zwei Jahren biete er auch komplexere Verfahren an als nur Magenbänder und Bypässe.
Es entstehe ein neuer Zweig der Chirurgie: die metabolische Chirurgie.

Zwischen den Wortbeiträgen hatte Direktor Neumann angemerkt, dass die steigenden Adipositas-Zahlen bekannt seien. Herr Bitter hatte von einem Anruf aus dem Gesundheitsamt Hagen berichtet: Man wollte dort Rat zum Thema Adipositas – und man wollte einen Patienten nach Herne abgeben, mit dessen Behandlung man überfordert war
Dr. Hulisz bat Herrn Neumann um Prüfung einer eventuell erfolgsabhängigen Kostenbeteiligung der AOK.

Professor Dr. Stefan Herpertz, Leiter der Psychosmoatischen Medizin und Psychotherapie des LWL-Klinikums Dortmund, rechnete hoch, dass im Bereich des AdipositasZentrums NRW 2,5% der Menschen einen BMI von größer 40 haben. „Hier hat eine konservative Therapie keine Chance“, sagte er. „Wir müssen für die unterschiedlichen Gruppen unterschiedliche Konzepte entwickeln.“ Er nannte das Adipositas-Netzwerk in Tübingen als Beispiel.

Herpertz berichtete, dass er fast täglich Adipositas-Gutachten anfertige und auf großes Unverständnis beim MDK stoße. „Die wollen, dass ein 180 Kilo-Mann sich erst einmal viel bewegen soll.“ Das gehe überhaupt nicht.
Wichtig, so Herpertz, sei es, dass wir ein Kompetenzzentrum haben, in dem der Patient aus unterschiedlichen Pespektiven gesehen werde.

Dipl.-Psych. Uwe Machleit, der Psychologische Leiter des AdipositasZentrums NRW (Augusta Bochum), berichtete über Patienten, die im AdipositasZentrum NRW bereits 140 Wochen in der Nachsorge seien. Es handele sich eben um eine chronische Erkrankung, die eine längerfristige Betreuung erfordere. „Nach dem dritten oder vierten konservativen Ansatz“, sagte er, „müsse es eben eine OP geben.“

Die meisten der Patienten zahlen ihre Behandlung selbst, wobei es immer wieder Ausnahmen gebe. Alle Patienten seinen versichert, aber die Kassen zahlen selten. „Besonders in Einzelfällen muss es möglich sein, dass diesen Menschen geholfen wird.“

Als Beispiel wurde der 30jährige Hartz IV-Empfänger genannt, den man durchaus wieder in das Arbeitsleben integrieren könne. Aber eben nicht, wenn er mit 180 Kilo zum Bewerbungsgespräch gehe. „Hier muss und hier kann man helfen.“

Dr. Martina Neddermann, Leiterin der Schlaflabore (EvK Herne und Augusta Bochum) konnte aus ihrer Praxis berichten, dass 80% ihrer Patienten stark übergewichtig sind und eine arterielle Hypertonie haben. „Mit ihrer schlechten Schlafarchitektur haben diese Menschen keine Motivation und keine Lebensqualität.“ An dieser Stelle sei aber die Kostenerstattung – im Gegensatz zu anderen Bereichen im AdipositasZentrum NRW - kein Problem.

Direktor Neumann dankte für die ausführlichen Informationen und stellte noch einmal fest, dass die Zahl der Adipositas-Fälle zunehme. Mehr als 30 % seien übergewichtig. Die ihm vorliegenden Zahlen seinen nicht repräsentativ, weil viele dieser Fälle unter anderen Diagnosen laufen.
Er stellte aber auch fest, dass die Zahl der Kostenübernahmen zunehme.

Im übrigen nannte er das Beispiel einer Patientin, der das Magenband wieder entfernt werden musste, weil sie schließlich nur noch 47 Kilo wog und noch weiter dramatisch abnahm.

Man diskutierte darüber, dass es keine klaren Regeln zur Beurteilung der Patienten gebe. Jede Krankenkasse prüfe individuell und entscheide anders. Man wolle anregen, einen neuen Fragebogen für diese Fälle zu entwickeln.

In diesem Zusammenhang will will Professor Herpertz auch Standards zur Beurteilung einer operativen Behandlung vorschlagen. Geprüft wird von allen Beteiligten auch die Möglichkeit, Adipositas-Behandlungen im Rahmen einer "integrierten" Versorgung durchzuführen.

Außerdem sollen Möglichkeiten zum Einsatz eines Casemanagers geprüft werden sowie eine erfolgsabhängige Beteiligung der Krankenkassen im ambulanten Sektor.