"Die Weihnachtsgeschichte ist ja nicht im Wohnzimmer passiert."

Der Mann in der Jacke hatte die Augen voller Tränen und sein Taschentuch war im Dauereinsatz. Aus einem der Krankenbetten drang schwerer Husten. Aber dieser Patient war nicht allein: Auch der katholische Krankenhausseelsorger Heinrich Henkst war gesundheitlich angeschlagen und musste hin und wieder husten. Eine kleine Gemeinschaft von Patienten und Gästen feierte mit Henkst und seinem evangelischen Kollegen Hartwig Burgdörfer dennoch eine sehr stimmungsvolle, ökumenische Christvesper in der Krankenhaus-Kapelle des Augusta.

Die Vesper wurde – natürlich – auch in die Krankenzimmer übertragen, wo Liedzettel ausgeteilt worden waren. „Die Weihnachtsgeschichte ist ja nicht im Wohnzimmer passiert“, sagte Burgdörfer, „sondern draußen auf dem Feld. Und wir feiern halt hier in der Kapelle.“ Und an die Patienten an den Fernsehgeräten gerichtet: „Und sie in den Zimmern.“ Die kranken Menschen in den Zimmern forderte er ausdrücklich auf, auch dort kräftig mitzusingen.

Burgdörfer setzte multimediale Elemente ein, zeigte einen Film, den er bei einem Besuch in einer Soester Kirche gedreht hatte. Zu sehen war ein wertvoller, mittelalterlicher Altar, in dessen Holzschnitzereien ausgerechnet wesentliche Elemente der Krippenszene fehlen: Die Krippe mit dem Jesuskind z.B. – und auch Maria und Josef sind nicht mehr zu sehen. „Nur der Esel und der Ochse“, witzelte Burgdörfer, „sind noch da geblieben.“

Der Seelsorger stellte verschiedene Hypothesen auf, wo denn Christus wohl geblieben sein könne. Ob er, gestohlen, von der Gemeinde selbst verkauft worden sei – oder sich schlicht symbolisch von der Welt abgewandt habe. Der Kreis dieser mit bewegten Bildern unterlegten Erzählung schloss sich im Zentrum des Altars, wo auch die Kreuzigungsszene ohne den Heiland sehen ist. Auch diese Holzfigur, auch dieses Element ist verschwunden. „Christus lässt sich  nicht einsperren“, schloss Burgdörfer daraus. „Er hat sich vom Kreuz gelöst.“

Viele Lieder hat die kleine Gemeinde gesungen – an der Orgel begleitet vom fabelhaften Nils Bellmann, der normalerweise höhere Aufgaben hat, als gemeindliche Weihnachtslieder zu begleiten. Ihm galt deshalb Burgdörfers besonderer Dank - ebenso herzlich dankte er aber den Helfern des Krankenhaus-TV und den lieben Menschen im Abholdienst.

Nach der Vesper gab es noch Gespräche bei Bratapfel-Tee, Stollen und Gebäck - und anschließend gingen alle zufrieden nach Hause in ihre Familien.